In den Berliner Frauenfußball kommt Bewegung. Nachdem der 1. FC Union im März die Professionalisierung seiner Frauenabteilung angekündigt hat und perspektivisch den Aufstieg in die Bundesliga anstrebt, hat jetzt der FC Viktoria 89 mit einem revolutionären Projekt nachgezogen. Sechs Frauen aus der Wirtschaft, den Medien und dem Sport mit der ehemaligen Nationalspielerin Ariane Hingst als Aushängeschild wollen den Regionalligisten gänzlich verändern und haben die 1. Frauenmannschaft in eine eigenständige GmbH überführt. Die ausgegliederte GmbH handelt damit in Eigenverantwortung, die Frauenmannschaft bleibt jedoch Teil des Geamtvereins.

„Gemeinsam wollen sie ihr eigenes Fußballteam innerhalb von fünf Jahren in die Bundesliga führen und so für mehr Sichtbarkeit, gleiche Bezahlung und Anerkennung von Frauen im Sport sorgen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins. Der Jurist und Fußballberater Henner Janzen hat bereits im April die sportliche Leitung der Mannschaft übernommen.

Inspiriert wurde das Sextett durch ein Projekt, das in den USA 2020 für Aufsehen gesorgt hat. Dort gründete die Schauspielerin Natalie Portman mit einigen Gleichgesinnten in Los Angeles den Verein Angel City FC und setzt sich u.a. dafür ein, dass Frauen die gleiche Bezahlung wie die Männer erhalten.

Entwicklung vorantreiben


Beim Traditionsverein begrüßt man die Initiative des Gründungsteams. „Unsere Mädchen und Frauen genießen seitens des Vereins seit Jahren viel Beachtung. Mit der Übernahme durch die Gründerinnen ist es nun möglich, sich noch intensiver um die Entwicklung des Frauenteams zu kümmern und die nächste Stufe, sprich die Bundesliga, zu erreichen“, betont Präsident Ulrich Brüggemann. „Wir freuen uns sehr und heißen die Gründerinnen bei Viktoria herzlich willkommen.“


Das Projekt ist zweifellos ambitioniert und benötigt einen langen Atem, wo­rüber sich auch die Gesellschafterinnen im Klaren sind. Hinweise auf die enorme Entwicklung des Frauenfußballs, wie beispielsweise die Rekordzuschauerzahl von 91.648 beim Champions-League-Spiel zwischen dem FC Barcelona und dem VfL Wolfsburg, können allerdings nur Investoren beeindrucken, einem Kenner des Frauenfußballs in dieser Stadt dagegen höchstens ein Lächeln entlocken. So sieht es auch Roman Rießler, acht Jahre lang Trainer bei Viktoria 89. „Ich würde mich freuen, wenn dieses Projekt den Frauenfußball voranbringt. Ich glaube aber, dass es an der Umsetzung hapern wird“, betont Rießler, der zudem kritisch anmerkt. „Ich habe bei der Vorstellung des Projekts eine Würdigung der Spielerinnen vermisst, die den Verein zu einem führenden Regionalligisten in dieser Stadt gemacht haben. Das wird nicht mit einem Wort erwähnt.“

Foto: Christoph Lehner


Der Frauenfußball führt in dieser Stadt seit Jahren ein Mauerblümchendasein. Seit Einführung der eingleisigen Bundesliga in der Saison 1997/98 war kein einziger Verein mehr aus der Hauptstadt in der höchsten Spielklasse vertreten. Der 1. FC Lübars verzichtete 2015 als Meister der 2. Bundesliga aus wirtschaftlichen Gründen auf den Aufstieg. Ein Jahr später hat der Verein gar keine Lizenz mehr für die 2. Bundesliga beantragt. Seitdem diese Liga seit 2018 ebenfalls nur noch eingleisig ist, fehlt Berlin auch in dieser Spielklasse.


Die besseren Spielerinnen sind damit zufrieden, in der Regionalliga gegen den Ball zu treten. Auch hier wird teilweise bis zu viermal in der Woche trainiert. Da bleibt nur noch wenig Zeit für andere Interessen. Und wer wirklich nach Höherem strebt, der schließt sich schon in jungen Jahren einem Nachwuchsleistungszentrum eines Bundes- oder Zweitligisten an. So wird sich das Investorinnenteam wohl oder übel im Bundesgebiet oder gar im Ausland nach geeigeneten Spielerinnen umsehen müssen.

Eine Trainerin noch gesucht

Es kommt also sehr viel Überzeugungsarbeit auf Ariane Hingst und ihre Mitstreiterinnen zu. Henner Janzen stellt derzeit das neue Team zusammen. Im beiderseitigen Einvernehmen hat man sich mit dem bisherigen Trainer Johannes Fritsch auf eine Beendigung der Zusammenarbeit verständigt. Für die Nachfolge kommt nur eine Trainerin in Frage, die aber noch nicht gefunden wurde. Darüber hinaus werden Tatjana Fandre, Jessica Purps (beide Karriereende) und Katharina Geßner (Studium in Kanada) in der neuen Saison nicht mehr im Viktoria-Dress auflaufen.

Text: Rainer Fritzsche, Titelbild: Matthias Koch