Der Ukrainer Khasan Dzhaukhar hat sich beim Berlin-Liga-Spitzenreiter SV Sparta Lichtenberg in die 1. Mannschaft gespielt. Der 29-Jährige spricht über den Krieg und seinen Beinahe-Wechsel zu Schachtar Donezk.

Seine Gedanken sind oft in der Heimat. „Es gibt jeden Tag Angriffe, da mache ich mir natürlich Sorgen um Verwandte und Freunde“, sagt Khasan Dzhaukhar. Gleich nach Kriegsausbruch in der Ukraine hat er zusammen mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seinem Vater seine Heimatstadt Charkiw verlassen und ist nach Berlin gekommen. Und weil es ohne Fußball nicht geht für den 29-Jährigen, schaute er sich nach einem Verein um. Ein Freund stellte die Verbindung zu Alexander Fischer her. „Ich war erst mal skeptisch, als der Anruf vom Berater kam. Ich habe dann im Internet recherchiert, ob es wirklich der Khasan Dzhaukhar ist, der schon in der Oberliga für Anker Wismar gespielt hat“, sagt der Sportliche Leiter des SV Sparta Lichtenberg.

Nun, er war es, Dzhaukhar verzeichnete zwischen 2014 und 2017 etliche Einsätze in der Oberliga für Pommern Greifswald und für Wismar, dazu war er in der Verbandsliga für den MSV Pampow am Ball. „In Wismar hatte ich eine sehr gute Zeit“, erzählt der Ukrainer, „das waren tolle Erfahrungen in einer geilen Truppe.“ Solche Formulierungen hat der Defensivspieler längst drauf. Dzhaukhar besuchte im Alter von zwölf bis 17 Jahren das Sportinternat in Charkiw, „vielleicht die beste Sportschule in der Ukraine. Hier wird nicht nur im Fußball ausgebildet, sondern auch in anderen Sportarten wie Schwimmen oder Leichtathletik“, sagt er. Er spielte beim internationalen Topklub Schachtar Donezk vor, eine Verpflichtung kam jedoch nicht zustande. „Das Internat wollte 100.000 Dollar für mich haben, doch Schachtar wollte die Summe nicht bezahlen“, sagt Khasan.

Alexander Fischer aber schickte ihm eine SMS und lud ihn zum Probetraining ein. „Das erste Training verlief nicht wirklich optimal“, erinnert sich Fischer, „das lag wohl in erster Linie an den Folgen der Flucht. Aber wir haben schon gesehen: Der kann was.“ Dzhaukhar wurde in der vorigen Saison zunächst in der 2. Mannschaft in der Bezirksliga eingesetzt, bekam aber auch erste Einsatzzeiten in der Berlin-Liga-Truppe. In dieser Saison ist er fest im Kader der Ersten. „Khasan ist Stammspieler, er konkurriert aber mit Kuba Liczbanski für die Position links in der Viererkette“, sagt Trainer Dragan Kostic. „Beide sind gleichauf, sind lauf- und zweikampfstark. Und beide haben das gleiche Manko: Sie spielen als Rechtsfüßer auf links.“

Macht nichts, das bekommt Khasan Dzhaukhar schon hin. Und weite Wege zu gehen, ist seine Spezialität. Er wohnt mit seiner Familie inzwischen in Spandau. Dirk Zelle, Geschäftsführer von Spartas Hauptsponsor ATB Aufzugstechnik, hat die Drei-Zimmer-Wohnung in der Gruberzeile gefunden und finanziert. Zelle kümmerte sich um die Malerarbeiten, besorgte Einrichtungsgegenstände, Möbel und Kühlschrank. „Das ist ein unglaublich netter junger Mann, ich musste ihm einfach unter die Arme greifen“, sagt Zelle.

Dzhaukhars Tage sind total ausgef0llt. Als Servicekraft in der Gastronomie eines Hotels in Schöneberg verdient er seine Brötchen, zu Hause halten ihn seine beiden kleinen Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren auf Trab. Die Wege erledigt er mit Bus und Bahn. An Spandau muss er sich aber erst einmal gewöhnen. „Das ist ein bisschen eigen“, lacht Khasan, dessen großes Idol – natürlich – Andrej Schewtschenko ist. Zwei Wünsche hat Khasan: „Die Ukraine gewinnt den Krieg und Sparta die Berliner Meisterschaft. Dafür gebe ich alles.“

Text und Titelfoto: Bernd Karkossa