Exakt 100 Jahre nach dem Gewinn der Berliner Meisterschaft erreicht der Traditionsverein SV Norden-Nordwest 98 einen neuerlichen Tiefpunkt. Die Weddinger müssen zwangsabsteigen und spielen künftig in der Kreisliga C (11. Liga). Das entschied das Sportgericht des Berliner Fußball-Verbandes und fällte damit ein knallhartes Urteil, das es in dieser Form in Berlin seit mindestens 20 Jahren nicht gegeben hat.


Am Abend des 31. Mai, einem Dienstag, kam es an der Behmstraße im Wiederholungsspiel der Kreisliga B (4. Abteilung) zwischen NNW 98 und dem BSC Reinickendorf in der Nachspielzeit zu schlimmen Ausschreitungen und Schlägereien auf dem Platz. Kurz zuvor waren die Reinickendorfer mit 4:3 in Führung gegangen. Die Polizei wurde gerufen und rückte mit mehreren Mannschaftswagen an.


Bereits Anfang April war die Partie zehn Minuten vor Schluss beim Stande von 4:2 für NNW abgebrochen worden. Seinerzeit fühlte sich der Schiedsrichter von Spielern und/oder Offiziellen der Reinickendorfer Reservebank provoziert und brach ab. Es folgte eine Neuansetzung, weil der Unparteiische seinerzeit offenbar nicht alle Mittel ausgeschöpft hatte, um die Partie ordnungsgemäß fortzusetzen.


Im Wiederholungsspiel gingen die Aggressionen dann eindeutig von NNW-Spielern aus. Das zeigen Videoaufnahmen, die seinerzeit im Netz schnell die Runde machten, vor Gericht aber nicht als Beweismittel dienten. Denn: „Wir hatten detallierte Zeugenaussagen von unabhängigen Beobachtern“, sagt der Vorsitzende Richter Bernd Marten (Berliner Amateure). Diese Beobachter waren u.a. zwei Mitglieder des Spielausschusses. Als hätte es der Berliner Fußball-Verband im Vorfeld geahnt, dass es zu Ausschreitungen kommen könnte, waren zwei „Offizielle“ zum Spiel geschickt worden. Auch der höherklassig erprobte Schiedsrichter, der bis zum Abbruch einige Gelbe Karten, aber keinen Platzverweis verhängen musste, wusste das Gericht mit seinen ­exakten Aussagen zu überzeugen. Die Zeugen berichteten unter anderem, dass ein NNW-Spieler einen am Boden liegenden Akteur des BSC Reinickendorf mit dem Fuß gegen den Kopf getreten habe. Glücklicherweise zogen sich die Spieler des BSC Reinickendorf keine schweren Verletzungen zu. Anhand der Trikotnummern konnten die Übeltäter zweifelsfrei identifiziert werden.


Warum es beim Stande von 4:3 für den BSC Reinickendorf plötzlich zu Ausschreitungen kam, konnten die NNW-Spieler indes vor Gericht nicht erklären. Jetzt muss der Verein eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro zahlen, die Partie wird mit 2:0 für Reinickendorf gewertet. Zwei NNW-Spieler wurden für eine gesamte Saison bis zum 30. Juni 2023 gesperrt, einer gar auf die Schwarze Liste gesetzt. Er darf in Berlin auf unbestimmte Zeit weder Fußball spielen noch ein Amt in einem Verein ausüben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verein, der für die FuWo nicht zu erreichen war, soll am Freitag beim Verband Einspruch gegen das Urteil eingelegt haben.


Schon in der Saison 2017/18 hatte NNW 98 Negativ-Schlagzeilen produziert. Seinerzeit spielte der Verein in der Bezirksliga. Nach einem Heimspiel am 14. Spieltag gegen Stern Kaulsdorf soll der Schiedsrichter im Kabinentrakt von einem oder mehreren NNW-Spielern geschlagen worden sein. Die Spieler indes behaupteten, der Schiedsrichter habe zuerst zugeschlagen. Das Gericht suspendierte seinerzeit die Weddinger vom Spielbetrieb, alle folgenden Spiele wurden abgesetzt und mit 0:6 gegen NNW gewertet. Folglich stieg der Verein am Saisonende ab.

Text: Ulli Meyer, Titelbild: Christoph Lehner