20.04.2019

Zweimal deftige Prügel zum 50. Geburtstag

In dieser Woche vor 65 Jahren

Schon die Generalprobe verheißt nichts Gutes, auch wenn die Fußball-Woche daraus eher Hoffnung ableiten will. „Wenn man der alten Weisheit, daß einer schlechten Generalprobe eine umso bessere Premiere folgt, trauen darf“, schreibt die FuWo, „dann müßte Wacker im Oster­turnier eine beachtliche Rolle spielen, denn furchtbar – furchtbar war es am Sonnabend. Nur gut, daß diese Begegnung so ziemlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, den Fehlenden blieb viel Ärger erspart“.

Nur 250 Zuschauer sind zum Wacker­weg in Reinickendorf gepilgert, um sich das Freundschaftsspiel des Vertragsligis­ten gegen Meteor 06 aus der Amateurliga anzuschauen. Der SC Wacker 04 verliert mit 2:3 (1:2) – alles andere als eine gute Einstimmung auf das eigene Jubiläums­turnier aus Anlass des 50-jährigen Bestehens. Prominente Gäste haben die Lila-­Weißen ins Poststadion eingeladen. „Wackers Jubiläums-Programm am Karfreitag und ersten Feiertag ist ein Geburtstagsgeschenk an Berlins Fußballer“, freut sich die FuWo in ihrer großen Vorschau auf Seite 2. „Schon lange gab es in der Viersektorenstadt nicht eine solche Anhäufung namhafter Mannschaften aus dem Bundesgebiet wie Ostern 1954. Die Offenbacher Kickers werden von Fachleuten als zur Zeit stärkste süddeutsche, wenn nicht sogar deutsche Vereins-Vertretung bezeichnet. Alemannia Aachen ist attraktiv, wenn der oft für unsere Nationalmannschaft vorgeschlagene Außenläufer Pfeiffer mitfährt und spielt. Schwaben Augsburgs augenblickliche Stärke kommt durch den Wiederaufstieg zur ersten Liga Süd deutlich genug zum Ausdruck.“

Ostern liegt 1954 – wie 2019 – sehr spät. Jeweils Doppelveranstaltungen stehen am 16. April (Karfreitag) und 18. April (Ostersonntag) im Poststadion auf dem Programm. Aus Berlin ist noch der amtierende Meister SC Union 06 dabei, der sich im Duell mit Kickers Offenbach am ersten Spieltag (2:3) dann auch achtbar aus der Affäre zieht. Am Ostersonntag stehen die aus Oberschöneweide emigrierten „Schlosser­jungs“ nicht mehr zur Verfügung, da sie tags darauf ein Pflichtspiel im Rahmen der Oberliga-Vergleichsrunde bei TuS Neuendorf in Koblenz haben. Dafür kehrt Alemannia Aachen, am Gründonnerstag bereits Gegner des BSV 92 am Lochowdamm (2:1 für Aachen), noch einmal nach Berlin zurück.

Ein respektables Abschneiden wie von Union 06 lässt sich Geburtstagskind Wacker ganz und gar nicht bescheinigen. Der Traditionsverein aus dem Berliner Norden, der es später, in den 1970er Jahren, sogar bis in die Bundesliga-Aufstiegsrunden (1971, 1972 und 1974) sowie in die 2. Liga Nord schafft (Gründungsmitglied 1974 und dort drei Spielzeiten bis 1977 sowie noch einmal 1978/79 dabei), gehört nach dem Krieg ununterbrochen der Berliner Stadtliga an, der bis zur Einführung der Bundesliga 1963 höchsten Spielklasse. Doch 1953/54 läuft es nicht sonderlich gut. Die Lila-Weißen spielen eine mäßige Saison im Zwölfer-Feld der besten (West-)Berliner Mannschaften, am Ende sind sie als Tabellen-Neunter nur drei Punkte besser als Absteiger Hertha 03 Zehlendorf.

So steht das Osterturnier 1954 unter keinen günstigen Vorzeichen. Zumal, siehe das Freundschaftsspiel gegen Meteor, Wacker nicht in Form ist. Und wie groß das Leistungsgefälle zu den Mannschaften aus den viel stärker besetzten Ligen „Westdeutschlands“ ist, bekommen die insgesamt 20.000 Zuschauer (12.000 am Freitag, die laut FuWo „wie die Schneider froren“, und 8000 am Ostersonntag, „als der Wettergott gnädiger war“) deutlich zu spüren. „Wackers ‚Jubiläumsgeschenk: 10 Minus-Tore“, titelt die Fußball-­Woche in ihrer Ausgabe am 20. April. Jeweils mit 1:5 verlieren die Reinickendorfer ihre Spiele, erst gegen Schwaben Augsburg, dann – trotz der geholten Verstärkung durch fünf Spieler von Alemannia 90 – gegen Kickers Offenbach.

Alemannia 90-Wacker gibt es also gewissermaßen schon 1954. Doch diese 40 Jahre später offiziell erfolgte Namensgebung ist zu Ostern 1954 nicht absehbar und wohl auch undenkbar. Was damals niemand ahnen kann: Am 2. Juni 1994 wird der finanziell schwer angeschlagene SC Wacker 04 aufgelöst, seine Mitglieder schließen sich dem jahrzehntelangen Kiez­rivalen Alemannia 90 an. Als Zugeständnis firmieren Alemannias Kicker zunächst als SG Wacker-Alemannia und ab 1998 als BFC Alemannia 90-Wacker. Seitder Saison 2013/14 verzichtet Alemannia auf den Zusatz – Wacker verschwindet kurz vor dem 90. Geburtstag endgültig von der Bildfläche.
Trotz der deftigen Niederlagen für den Jubilar bezeichnet die FuWo das Oster-­Turnier 1954 im Poststadion wohlwollend als „im Großen und Ganzen gelungene Veranstaltung“. Angesichts der Probleme im Vorfeld durchaus verständlich. „Wacker bereitete die Zusammenstelllung der Jubiläumsspiele größte Schwierigkeiten“, schreibt die FuWo, „einmal weil Wismut Aue, das ursprünglich teilnehmen sollte, sich das übliche Späßchen mit dem Westberliner Fußball erlaubte, plötzlich gezwungen wurde, fernzubleiben, andererseits, weil es nicht so einfach war, für die Ostzonenmannschaft Ersatz zu finden. Im letzten Augenblick sprang Schwaben Augsburg ein, und die Reinickendorfer atmeten auf.“

Die Teilnahme der Schwaben-Ritter führt im ersten Spiel am Karfreitag jedoch zunächst zu großer Verwirrung. FuWo-­Reporter Erich Nauke: „Bevor sich die Zuschauer (und ein Pressevertreter) klar darüber waren, dass die wackeren Schwaben in Lilahemden spielten, hatte der schneidig durchstoßende Linksaußen Harlacher Wackers Nachwuchs-Tormann bezwungen. Nur 15 Sekunden waren vergangen.“
Nach 30 Minuten führen die Gäste („starke, gesunde Burschen“, FuWo) mit 5:0. Happy Birthday, Wacker 04!

Von Horst Bläsig

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