24.02.2018

„Widerliche Explosion“

In dieser Woche vor 60 Jahren

Der Tag beginnt perfekt. Im Stadion Wilmersdorf sind alle Kassen geöffnet, mehr als 11.000 Zuschauer kommen. „Der Zufluß der Massen ging in harmonischer, vorbildlicher Abwicklung vor sich“, schreibt die FuWo. Doch dann läuft einiges aus dem Ruder. „Der 23. Februar war kein guter Tag für den Berliner Fußball“, heißt es in der Ausgabe Ende Februar 1958 zum Spiel zwischen dem BSV 92 und Tennis Borussia in der Vertragsliga: „Was sich hier abspielte, kann einfach nicht mit dem Mantel der Nächstenliebe zugedeckt werden.“

Kurz vor Ende der Saison ist TeBe Tabellenführer, der BSV Vierter. Beide Mannschaften sind nicht für eine besonders harte oder unfaire Spielweise bekannt. Diesmal artet das Spiel jedoch in eine wüste Treterei aus. Auch dadurch bedingt, dass Schiedsrichter Herbert Oertelt einen seiner weniger guten Tage erwischt. Er lässt viel durchgehen, was ihm die Mannschaften allerdings nicht danken. „Rätselhafte Unsicherheit und mehrere Fehlentscheidungen … unangebrachte Engelsgeduld“, beobachtet die FuWo. So nimmt das Unheil seinen Lauf.


Nach Ansicht der Gastgeber ist TeBe der Auslöser. Dort sieht man es natürlich genau andersherum. „In meinem ganzen Leben habe ich noch nie ein derart unfaires und gemeines Spiel gesehen. Da kann man nur ‚Pfui Teufel‘ sagen“, poltert nach Schlusspfiff BSV-Trainer Jakob „Jackl“ Müller, der 1949 als Spieler Deutscher Meister mit dem VfR Mannheim war. Müller spricht vom Schuhabdruck eines TeBe-Spielers auf dem Oberschenkel eines seiner Akteure. „Warum sind die BSVer nur so hart gegen uns eingestiegen? Ich hätte es verstehen können, wenn sie sich noch Meisterschafts­chancen hätten ausrechnen können. Aber so …“, kontert TeBe-Trainer Oswald Osadzuk. In den Kabinen müssen sich Betreuer auf beiden Seiten um mehrere verletzte Spieler kümmern.

Bei allem Ärger über den Gegner wissen die Protagonisten schnell, wer ihrer Meinung nach die Verantwortung für die „grobe Holzerei“ trägt, von der Tennis Borussias 1. Vorsitzender Fritz Gretzschel spricht: der Schiri. Dieser habe versagt, lautet der einhellige Tenor. Auch Wilmersdorfs Bürgermeister Wilhelm Dumstrey, der die Partie gemeinsam mit seinem Charlottenburger Amtskollegen Hans Bruhn verfolgt hat, äußert sich. „Leider litt das Spiel sehr unter der schwachen Schiedsrichterleistung“, gibt Dumstrey zu Protokoll.

Während der 90 Minuten schaukelte sich die Atmosphäre mehr und mehr hoch. Zur „widerlichen Explosion“ (FuWo) kommt es in der zweiten Halbzeit beim Stand von 1:0 für die Gastgeber, als BSV-Mann Horst Klettner Gegenspieler Wolfgang Seeger von hinten tritt. Der Ball ist weit weg. Dass der Schiri unterbricht, geht unter. Arno Wich erzielt für TeBe ein Tor, das nicht zählt. Klettner wird vom Platz gestellt. Was nun passiert, beschreibt die FuWo so: „Hunderte von Jugendlichen (auch einige aufgeregte ältere Herren) drangen aufs Spielfeld.“ Erst nach mehreren Lautsprecherdurchsagen und längerer Unterbrechung geht es weiter. In der 88. Minute macht Werner Langner das Tor zum 1:1-Endstand für die Veilchen.

Nach Abpfiff stürmen erneut mehrere Hundert Zuschauer den Platz. Ordner, Polizisten und BSV-Funktionäre schützen den Schiri, der erst 45 Minuten nach Schlusspfiff in seine Kabine geht, die zuvor von Zuschauern belagert wird. Als „peinlichen Abschluß“ geißelt der Berichterstatter diese Szenen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Leistung von Oertelt keinesfalls als Entschuldigung für das Verhalten von Zuschauern und Spielern herhalten darf. Die FuWo nimmt sich den Ereignissen auch in Reimform an: „Een Volksuffruhr – Skandal – Tumult: „Der Schiri ist an allem schuld!“ Mir sowat sonntachs anzusehn, jefällt ma nich, det is nich scheen.“
Aufgrund der Vorgänge fordert der Verband danach alle Vereine auf, für mehr Fairness zu sorgen. Und die Schiedsrichter werden angehalten, energisch durchzugreifen. Dies zeigt Wirkung. Beim Auswärtsspiel des späteren Meisters Tennis Borussia gegen Hertha BSC am folgenden Spieltag werden Schiri, Mannschaften und Zuschauer für ihr anständiges Verhalten gelobt.

Von Sebastian Schlichting

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