12.05.2019

Union feiert, Hertha träumt

In dieser Woche vor 10 Jahren

9. Mai, Jahn-Sportpark, kurz nach dreiviertel vier. Fast 10.000 Zuschauer sind da, zählen die letzten Sekunden der regulären Spielzeit in der Drittliga-Partie des 1. FC Union gegen Jahn Regensburg herunter. Ohne jegliche Nachspielzeit pfeift Schiedsrichter Tino Wenkel ab. 2:0, Union hat drei Spieltage vor Saisonende zwölf Punkte Vorsprung auf den SC Paderborn und 13 auf die SpVgg Unterhaching auf dem Relegationsplatz und steht somit als Aufsteiger in die 2. Liga fest.

Gut anderthalb Stunden nach dem Abpfiff bei Union, 15 Kilometer weiter südwestlich: Schluss im Olympiastadion. Hertha BSC besiegt den VfL Bochum vor über 70.000 Fans 2:0, rückt drei Spieltage vor Saisonschluss in der Bundesliga auf einen Punkt an Tabellenführer VfL Wolfsburg heran, der 1:4 beim VfB Stuttgart verliert. Der erste Titel seit 1931 ist möglich.

Zwei Tage später erscheint die Fußball-Woche auf Seite eins in Blau und Rot. Oben steht in blauer Schrift: „Hertha BSC: Jetzt ist alles möglich“. Unten in Rot: „1. FC Union: Aufstieg endlich vollbracht“. Auf den dazugehörigen Fotos zeigen Hertha-Fans Papp-Meisterschalen und Union-Anhänger ein Banner mit der Aufschrift „2. Liga wir kommen“. Berlin ist in Fußball-Hochstimmung im Frühling 2009.

„Es ist der helle Wahnsinn“, jubelt Union-Stürmer Shergo Biran kurz nach dem Abpfiff im Jahn-Sportpark. Macchambes Younga-Mouhani nach genau einer Stunde und Karim Benyamina in der 74. Minute hatten das Geduldsspiel gegen Regensburg entschieden und damit die letzten theoretischen Zweifel am Aufstieg beseitigt. Die Spieler tragen „Auswärtsaufsteiger“-Shirts, eine Anspielung auf die Saison in Prenzlauer Berg. Die Party beginnt im Ausweichquartier, dann geht es per Autokorso, bei dem sich der Mannschaftsbus mittendrin befindet, in die Alte Försterei, die grad modernisiert wird. Die Feier mit 4000 Fans findet auf dem Trainingsplatz statt.

„Das ist sensationell, wie die Saison gelaufen ist“, sagt Trainer Uwe Neuhaus. Seine Mannschaft ist in 20 von bisher 35 Saisonspielen ohne Gegentor geblieben, hat nur dreimal verloren. „Wir konnten in der ersten Saison der neuen 3. Liga Maßstäbe setzen. Wir haben uns den Aufstieg in vielen Jahren erarbeitet“, sagt Präsident Dirk Zingler, der ein paar Freudentränen vergießt. Union war 2004 aus der 2. Liga abgestiegen, danach in die Oberliga abgesackt und hatte mit riesigen finanziellen Problemen zu kämpfen.

In Köpenick wird schon gefeiert, in Charlottenburg noch geträumt. Spitzenreiter Wolfsburg und Bayern München je 60 Punkte, Hertha 59 – so sieht die Tabelle nach dem Sieg gegen Bochum aus, den Marko Pantelic und Raffael sicherstellen. Natürlich wird in der Ostkurve der beliebteste Song der Saison angestimmt: „Hey, das geht ab. Wir holen die Meisterschaft“. Das Tabellenbild ist allerdings kurios. Der Hamburger SV auf Rang sechs liegt nur fünf Punkte hinter Platz eins. „Sie fragen mich nach der Meisterschaft, aber wir sind noch nicht einmal für den ­UEFA-Cup qualifiziert“, sagt Trainer Lucien Favre. Abwehrspieler Josip Simunic erlaubt sich mehr Euphorie. Er sieht „die größte Chance in unserem Leben, den Titel zu holen“. Die Fuwo wagt mit Blick auf die Restprogramme die Prognose „Hertha schafft es.“

Die Euphorie lebt auch nach Teil eins der folgenden Englischen Woche weiter, die Berliner gewinnen 2:1 beim 1. FC Köln, bleiben am Spitzenduo dran. Aber am Sonnabend gibt es im ausverkauften Olympiastadion ein 0:0 gegen den FC Schalke 04. Da Wolfsburg 5:0 bei Hannover 96 gewinnt, ist der Titeltraum vorbei, Hertha fällt hinter Stuttgart auf Platz vier zurück. Der Einzug in die Champions League ist trotzdem weiterhin möglich, doch zum Abschluss heißt es 0:4 beim Absteiger Karlsruher SC. Nur UEFA-Cup – gemessen am Saisonverlauf eine große Enttäuschung.

Von Sebastian Schlichting

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