30.06.2019

Trubel um Halles Titel

In dieser Woche vor 70 Jahren

Nach 1948 wird im Frühjahr und im Sommer 1949 die zweite Meisterschaft in der sowjetischen Besatzungszone, aus der wenige Monate später die DDR hervorgeht, ausgetragen. Am Ende behauptet sich am 26. Juni die ZSG Union Halle mit einem 4:1 (1:0) im Finale gegen Fortuna Erfurt ausgesprochen souverän, bis dahin aber gibt es etliche Unwägbarkeiten, einige Skandälchen und vor allem ziemliche Überraschungen, denn die Mannschaften aus Sachsen bleiben allesamt auf der Strecke, obwohl sie das spielerische Niveau vor allem in der Breite mitbestimmen.

Die erste betrifft die SG Planitz. Der Titelverteidiger wird seiner Rolle in seiner Staffel in Westsachsen zwar gerecht, weil aber an der Endrunde nur jeweils zwei Teams aus den fünf Ländern – neben Sachsen noch Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen, denn Berliner Mannschaften sind aufgrund des Vier-Mächte-Status nicht zugelassen – spielberechtigt sind und es in Sachsen fünf Staffelsieger gibt, kommt es zu einer Qualifikationsrunde, in der die Zwickauer aus vier Spielen lediglich einen Punkt holen und am Ende der SG Friedrichstadt Dresden und der SG Meerane den Vortritt lassen müssen. Beim 1:2 (0:0) im Heimspiel gegen Industrie Leipzig kommt es dabei zu Tumulten, weil der eigentlich erstklassige Dresdner Referee Gerhard Schulz zwei Treffer von Zwickaus Torjäger Horst Weiß aberkennt, die Zuschauer daraufhin gewalttätig werden und der Schiedsrichter unter Polizeischutz gestellt werden muss.

Da die Meisterschaft im K.o.-Modus ausgetragen wird, sich aber zehn Mannschaften um den Titel bewerben, ist am 8. Mai – mehr oder weniger symbolträchtig exakt vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – eine Ausscheidungsrunde vorgeschaltet, in der sich Franz-Mehring Marga (2:0 gegen die SG Schwerin) und Eintracht Stendal (4:3 gegen die SG Altenburg Nord) behaupten.

Die nächste Irritation von einigen lässt nicht lange auf sich warten. Während nämlich drei der vier Viertelfinalspiele – das 3:2 der SG Meerane gegen die SG Babelsberg, das 4:0 von Eintracht Stendal gegen Franz-Mehring Marga sowie das 10:0 von Fortuna Erfurt gegen die SG Wismar Süd – auf neutralen Plätzen ausgetragen werden, genießt die ZSG Union Halle bei ihrem 2:1-Erfolg gegen die SG Friedrichstadt, für die sich im Verlaufe der Qualifikation der 43-jährige Altinternationale Richard Hofmann noch immer als Torschütze auszeichnet und ebenso der spätere DFB-Bundestrainer Helmut Schön als 33-Jähriger am Ball ist, als einziges Team Heimvorteil.

Das ist aber noch längst nicht alles. Die unterlegenen Dresdner erheben gegen die Wertung des Spiels Einspruch mit der Begründung, dass die Hallenser vier nicht spielberechtigt Spieler eingesetzt hätten. Es handelt sich um Otto Knefler (kommt aus Bernburg), Erich Lehmann, Erich Blanke (beide von Glaucha-Halle) und Torhüter Horst Schmidt (Zappendorf). Die Wettkampfbestimmungen nämlich besagen, dass bei der Endrunde um die Ostzonen-Meisterschaft nur Spieler eingesetzt werden dürfen, die mindestens an zwei Punktspielen in der abgelaufenen Meisterschaftsserie beim gleichen Verein teilgenommen haben. Nur ist das bei diesem Hallenser Quartett nicht der Fall. Unerklärlich bleibt, dass der Deutsche Sportausschuss auf diesen Protest nicht einmal reagiert.

Noch deutlicher wird die Bevorteilung der Hallenser im Halbfinale. Während Erfurt und Meerane (4:3 nach Verlängerung) ihr Spiel im neutralen Chemnitz austragen, darf die ZSG Union gegen Stendal erneut im eigenen Kurt-Wabbel-Stadion antreten und hat vor 20.000 Zuschauern beim 3:0 ziemlich leichtes Spiel.

Nun also das Finale, Austragungsort Dresden, 50.000 Zuschauer strömen in erwartungsfroher Hoffnung auf ein Fußballfest ins Ostragehege. Dort spielen die Hallenser um ihren Kapitän Fritz Belger all ihre Trümpfe aus, setzen ihre neuen Spieler erneut ein und behaupten sich mit 4:1 (1:0) überaus deutlich. Herbert Rappsilber, einer der großen Stars, ist mit einem Doppelpack (13., 71.) der Mann des Spiels, Rolf Theile (48.) und Otto Werkmeister (64.) erzielen die beiden anderen Treffer für die ZSG Union. Da haben selbst die technisch anspruchsvoll spielenden Thüringer mit dem überragenden Spielgestalter Helmut Nordhaus, Routinier Willi Dittmar (38) sowie den 20-jährigen Talenten Winfried Herz und Heinz Grünbeck keine Chance und schaffen durch Fritz Schmidt (77.) lediglich das Ehrentor.

Von Robert Klein

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