12.01.2020

Schnee und Schäfersee

In dieser Woche vor 50 Jahren

Der Rasen im Olympiastadion ist schneebedeckt. Auch neben dem Feld liegt reichlich Schnee, teilweise türmt er sich zu Bergen auf. Genau in einen solchen Schneehaufen rempelt Her­thas Tasso Wild in der Anfangsphase der Partie gegen Vitoria Setubal seinen Gegenspieler Félix Guerreiro. Der Portugiese hat einige Mühe, dort wieder herauszukommen. Seine Teamkollegen kämpfen derweil auch ohne gegnerische Einwirkung mit den tückischen und für sie völlig ungewohnten Bedingungen. Am 7. Januar 1970 herrscht in Berlin tiefer Winter – doch es ist trotzdem Messepokal-Zeit, das Rückspiel der dritten Runde steht auf dem Programm.

Das Hinspiel hatte kurz vor Silvester im Estadio José Alvalade stattgefunden, dem Stadion von Sporting Lissabon. Da ist es zwar deutlich wärmer als in Berlin, dafür regnet es heftig. Vor nur 3500 Zuschauern rettet Lorenz Horr den Gästen mit seinem Tor in der 31. Minute ein glückliches 1:1. Zuvor hatte Fernando Tomé für Setubal getroffen, das mit mehreren Nationalspielern angetreten war. Torschütze Horr macht nach dem Schlusspfiff eine klare Ansage: „Ich bin sicher: In Berlin auf Schneeboden haben die Portugiesen gegen uns keine Chance.“

15.000 Zuschauer trotzen der Kälte, finden sich an einem Mittwoch beim Flutlichtspiel ein, viele Spieler schützen sich mit Strumpfhosen gegen die ungemütlichen Temperaturen. Anfangs sieht es tatsächlich so aus, als hätte Setubal auf diesem Untergrund überhaupt keine Chance. Doch die Gäste gewöhnen sich schnell an den Schneeboden und schaffen es sogar, phasenweise technisch ansehnlichen Fußball zu spielen.
Trotzdem dominieren die Berliner, die zu diesem Zeitpunkt in der Bundesliga auf dem vierten Rang stehen. Sie haben gute Chancen durch Franz Brungs, Bernd Patzke und Wolfgang Gayer. Ein Tor will aber nicht fallen, stattdessen wagt sich Setubal, das in den 60er Jahren zweimal den nationalen Pokal gewonnen hatte, nun öfter nach vorn. Torwart Gernot Fraydl ist es zu verdanken, dass Hertha nicht in Rückstand gerät.

Für Beruhigung sorgt nach einer Stunde Arno Steffenhagen, der für Werner Ipta eingewechselt worden war. Der technisch beschlagene Ipta kam mit dem Schneeboden überhaupt nicht zurecht. Steffenhagens Tor ist sehr sehenswert: Der 20-Jährige verlädt mehrere Abwehrspieler und Torwart Dinis Vital. Er wird dabei so weit abgedrängt, dass alle mit einer Flanke rechnen. Doch Steffenhagen schlenzt den Ball aus spitzem Winkel ins Netz.
Die FuWo ist begeistert: „Ein Kabinettstück bester Sorte, wie es der Benjamin in seiner Fußballheimat am Schäfersee gelernt hatte.“ Steffenhagen war 1968 vom RFC Alt-Holland (später mit dem BSC Hota zum BSC Reinickendorf fusioniert) gewechselt. Bis heute ist der BSC Reinickendorf auf dem Sportplatz am Schäfersee zu Hause.

Hertha hat nach dem Tor reichlich Gelegenheiten, sich und die fröstelnden Zuschauer endgültig zu beruhigen, lässt jedoch alle weiteren aus. So wird es am Ende nicht nur wegen des Wetters eine Zitterpartie. Schließlich reicht es aber zum Weiterkommen.

Zwar bei weitem nicht so locker wie Lorenz Horr nach dem Hinspiel vorausgesagt hatte, aber das spielt keine Rolle mehr. Trainer Helmut Kronsbein ist erleichtert: „Als wir 1:0 führten, lief unser Spiel endlich nach Wunsch. Da musste der Gegner kommen, der mir trotz des glatten Bodens sehr gefallen hat. Das hatte ich nicht erwartet.“
Im März treffen die Berliner im Viertelfinale auf Inter Mailand. Das Hinspiel in Berlin endet durch ein Tor von Horr 1:0. Zum Weiterkommen reicht es allerdings nicht, weil Inter im eigenen Stadion 2:0 gewinnt.
Hertha spielte beim 1:0 gegen Setubal mit: Fraydl; Patzke, Witt, Wild, Ferschl; Altendorff, Gayer; Ipta (ab 46. Steffenhagen), Brungs, Horr, Weber.

Von Sebastian Schlichting

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