26.04.2020

Saison vor dem Abbruch

Abstimmung der Vereinsvertreter auf Videokonferenzen

In Berlin stehen die Zeichen auf Abbruch der laufenden Saison. Ob es Aufsteiger gibt und beispielsweise keine Absteiger, ob die Hinrundentabelle oder der aktuelle Stand vom letzten Spieltag vor der Corona-Pause (8. März) zählt, das alles bleibt bei einem wahrscheinlichen Abbruch zum 30. Juni vorerst offen.
Ohnehin sind die Abstimmungsergebnisse der drei Videokonferenzen, zu denen der Berliner Fußball-Verband am Freitag (Frauen) und Sonnabend (Männer und Jugend) eingeladen hatte, zunächst einmal ein Meinungsbild der Vereine.

Doch dieses Meinungsbild ist klar. „Wir haben ein deutliches Votum, vor allem im Jugendbereich“, sagt BFV-Präsident Bernd Schultz, der an allen drei Konferenzen mitwirkte und sich über die hohe Zahl an Teilnehmern freute. Bei der Videokonferenz der Jugend sprachen sich nach einer knapp 90-minütigen, überaus sachlich geführten Diskussion lediglich neun von 148 Teilnehmern für eine Fortsetzung der Saison aus. Bei den Männern waren es 35 von 168, bei den Frauen 23 von 66.

Wie nun der Verband die Meinung der Vereinsvertreter umsetzt, darüber wird am Mittwoch auf der BFV-Präsidiumssitzung diskutiert. „Ich will keiner Entscheidung vorgreifen“, sagte Schultz. Fest steht aber schon jetzt, dass es am Mittwoch hinsichtlich einer Saisonfortsetzung bzw. eines Abbruchs keine Entscheidung geben wird. Schultz: „Wir werden die Konferenzen auswerten und über die weitere Vorgehensweise entscheiden.“
Weil: Wie alle anderen 20 DFB-Landesverbände ist auch der BFV abhängig von den Entscheidungen „von oben“. Wie regelt der DFB die Saison mit der 3. Liga und Frauen-Bundesliga? Wie verfahren die fünf Regionalverbände mit der Regional- und Oberliga? Und über allem steht in Zeiten der Corona-Pandemie die Politik. So lange der Senat keinen Mannschaftssport zulässt und Sportanlagen geschlossen sind, kann kein Fußball gespielt werden. Einige Konferenzteilnehmer befürchteten am Sonnabend sogar, dass in diesem Jahr überhaupt kein Fußball mehr gespielt werde.

Woanders sind sie dennoch ein Stück weiter. Der Bayerische Fußball-Verband, mit mehr als 1,6 Millionen Mitgliedern der größte Landesverband des DFB, entschied in der vergangenen Woche, dass die Saison fortsetzt werden soll. Zuvor hatten sich 68 Prozent der Vereine dafür ausgesprochen. Sofern es die Politik zulässt, soll in Bayern vom 1. September an die Saison wieder aufgenommen werden. „Wir wollen keine Geisterspiele, wir wollen keine juristischen Streitigkeiten, wir wollen den fairen Wettbewerb und Entscheidungen auf dem Platz – nicht am grünen Tisch! Da aktuell aber niemand sagen kann, ob tatsächlich ab dem 1. September wieder gespielt werden kann, brauchen wir eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität“, wird Bayerns Präsident Rainer Koch auf der Homepage des Verbandes (www.bfv.de) zitiert.

Völlig anders hingegen das Meinungsbild im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen. Die Vereinsvertreter des mit rund einer Millionen Mitglieder zweitgrößten DFB-Landesverbandes sprachen sich mit mehr als 88 Prozent für einen Abbruch der Saison aus. Hier hat das Präsidium aber noch keine offzielle Entscheidung getroffen.
Das zeigt aber schon jetzt: „Der bundesweit einheitliche Weg ist gescheitert“, sagt Kevin Langner, Geschäftsführer des Berliner Fußball-Verbandes. „Jetzt müssen wir einen Berliner Weg finden.“

Für Berlins Nachwuchsfußballer indes gibt es wohl keine Alternative zum Abbruch. „Im BFV-Jugendausschuss sind wir für einen Abbruch mit Aufsteigern und ohne Absteiger“, sagt Andreas Kupper, Präsidialmitglied Jugend. „Das ist ein klarer Schnitt. Dann haben die Vereine Planungssicherheit.“ Auch auf NOFV-Ebene habe sich der Jugendausschuss, so Kupper, einstimmig für einen Abbruch ausgesprochen.

Im BFV-Spielausschuss der Männer gebe es hingegen keine einheitliche Meinung. Im Freizeit- und Ü-Bereich werde, so der Vorsitzende Achim Gaertner, ein Abbruch favorisiert, bei den Männern eine Fortsetzung.
Ein Abbruch indes bringt viele rechtliche Fragen mit sich. Daher wird sich der BFV eventuell ein unabhängiges Rechtsgutachten erstellen lassen, um hinsichtlich möglicher Haftungsansprüche Klarheit zu haben. Als wahrscheinlich gilt zudem, dass die Vereine auf einem außerordentlichen Verbandstag über die Zukunft der Saison 2019/20 entscheiden müssen.

Von Ulli Meyer

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