07.07.2019

Premiere der Berufsschulen

In dieser Woche vor 50 Jahren

Schon seit vielen Jahren treffen sich berufsbildende Schulen aus ganz Deutschland zu einem Handballturnier. Der Sieger darf am Europa-Pokal teilnehmen. Eine gute Rolle spielt dabei stets die Berliner Berufsschule für Nahrungsgewerbe in der Pfalzburger Straße unter der Leitung von Oberstudienrat Gerhard Fischer. Was im Handball funktioniert, muss doch auch im Fußball möglich sein, denkt sich Fischer. Er und mehrere Mitstreiter organisieren daher das erste Bundesturnier für Berufsschulen, das Anfang Juli 1969 auf den Plätzen im Volkspark Wilmersdorf stattfindet.

Das ist fast 200 Jahre, nachdem Graf Maximilian von Montgelas und Max I. Joseph weitsichtig denken. Der Staatsminister und der spätere König von Bayern setzen sich für die Verbreitung von Sonn- und Feiertagsschulen ein. Es geht darum, breiten Bevölkerungsschichten Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Zunächst steht sie nur männlichen Auszubildenden und Handwerksgesellen zur Verfügung, ab Beginn des 19. Jahrhunderts auch Frauen. Bald gibt es immer mehr dieser Einrichtungen, sie dienen den 1871 ins Leben gerufenen und zunächst Fortbildungsschulen genannten Berufsschulen als Vorbild. Im Jahr 2019 listet die Industrie- und Handelskammer über 40 Berufsschulen in Berlin auf.

Für die deutsche Meisterschaft 1969 melden zehn Teilnehmer aus acht Bundesländern, von Itzehoe über Wuppertal bis Saarbrücken. Nur Niedersachsen, Bremen und Bayern fehlen. Berlin schickt neben der Berufsschule für Nahrungsgewerbe auch die Fritz-Erler-Oberschule (Berufsschule für das Bekleidungsgewerbe und Postjungboten) ins Rennen. Die Mannschaften spielen um den Preis des Senators für Schulwesen. Dieses Amt hat Carl-Heinz Evers von der SPD inne, der als einer der Väter der Gesamtschulen in Deutschland gilt. „Gerade das Fußballspiel ist vorzüglich geeignet, selbständiges Handeln, Hilfsbereitschaft und Mannschaftsgeist zu fördern“, sagt Evers in einem Grußwort zum Turnier.

Los geht es am Freitag um neun Uhr, gespielt wird auf Ascheplätzen. Es ist sogar ein Akteur dabei, der schon international unterwegs war: Kurt-Jürgen Lorenz (Berufsschule Wuppertal) spielte im selben Jahr beim UEFA-Juniorenturnier in der DDR mit, dem seinerzeit bedeutendsten Nachwuchswettbewerb. In seiner Laufbahn bestreitet Lorenz ein Bundesligaspiel für den MSV Duisburg.

Die Berliner Teams zeigen sehr unterschiedliche Leistungen. Berlin I, die Schule aus der Pfalzburger Straße, gewinnt die Gruppe mit 7:3 Punkten. Berlin II, die Fritz-Erler-Oberschule, findet sich nach vier Niederlagen in der Tabelle ganz unten wieder. Auch das Elfmeterschießen um Platz neun gegen Bad Mergentheim geht verloren. Berlin I bleibt in der Zwischenrunde ohne Tor­erfolg und geht somit in das kleine Finale gegen die Kaufmännische Berufsschule Saarbrücken. Hier gelingt wieder ein Treffer, doch der Gegner macht gleich acht. Zum Endspiel, das der spätere Bundesliga-Schiedsrichter Bodo Kriegelstein leitet, kommen 500 Zuschauer. Wuppertal führt bereits 2:0, aber die Gewerbliche und Kaufmännische Berufsschule Kaiserslautern schlägt zurück und gewinnt 4:2.

Die FuWo ist sehr angetan vom Niveau und den Rahmenbedingungen und spart nicht mit Lob für die verantwortlichen Oberstudienräte: „Die Organisation des Turniers war so großartig, dass alle Spiele pünktlich abgewickelt werden konnten.“ Bedauert wird lediglich die recht geringe Teilnehmerzahl: „Es zeigt sich hier wieder, dass die Initiative nur bei einigen wenigen Berufsschullehrern liegt und deren Arbeit leider zu wenig geachtet wird.“ Doch die, die mitmachen, zeigen „große, faire Kameradschaft“. Die auswärtigen Teams waren zudem größtenteils einige Tage früher in die geteilte Stadt gekommen, um sich über die – Zitat FuWo – „politische, wirtschaftliche und kulturelle Lage Berlins informieren zu lassen“.

Von Sebastian Schlichting

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