13.06.2016

„Polen ist mit breiter Brust zur EM gefahren“

Rein sportlich betrachtet hat Berlin Artur Wichniarek (39) kein Glück gebracht. Während seiner beiden Engagements bei Hertha BSC (2003/04 bis 2005/06 sowie 2009/10) konnte der Ex-Internationale (17 Länderspiele, vier Tore für Polen) in 63 Bundesligapartien lediglich vier Treffer für die Blau-Weißen erzielen. Zum Vergleich: Für Arminia Bielefeld traf der Stürmer in 152 Spielen 45mal. Privat fühlt sich „König Artur“ in der Hauptstadtregion dagegen pudelwohl: Mit seiner Familie lebt er in Kleinmachnow, arbeitet hauptberuflich für eine Bäckereikette und besucht ab und zu auch die Heimspiele seines Ex-Klubs im Olympia­stadion. Am Donnerstag ist Wichniarek allerdings in Paris, um sich vor Ort das EM-Gruppenspiel Deutschland gegen Polen (21 Uhr, St. Denis) anzuschauen.

Fußball-Woche: Herr Wichniarek, wie dicht sind Sie an der polnischen Nationalmannschaft dran?


Artur Wichniarek: „Ich bin relativ gut informiert. Lukasz Piszczek ist mein Freund, mit ihm habe ich nahezu täglich Kontakt. Verbandspräsident Zbigniew Boniek war mein Trainer in der Nationalmannschaft, einige ehemalige Mitspieler sind in verschiedenen Funktionen involviert.“

Verraten Sie uns etwas über die Stimmung im Team?

Wichniarek: „Im ganzen Land herrscht eine Rieseneuphorie, insbesondere seit dem legendären Sieg in der Quali gegen Deutschland in Warschau. Die letzten Testspiele, das 1:2 gegen Holland und das 0:0 gegen Litauen, haben die Stimmung ein wenig gebremst, nichtsdestotrotz ist Polen mit breiter Brust zur EM gefahren. Die Jungs wissen, was sie können. Schauen wir mal, ob sie die Erwartungen erfüllen können.“

Bei der EM treten erstmals 24 Mannschaften an. Kritiker meinen, der sportliche Wert werde verwässert, der Kommerz stehe zu sehr im Vordergrund. 

Wichniarek: „Hält man sich die neuesten Korruptions-Enthüllungen vor Augen, verwundert es jedenfalls nicht, dass nun 24 Mannschaften am Start sind. Je mehr Teams, desto mehr lässt sich verdienen. Die Qualität steht sicher nicht an erster Stelle, das ist schade. Für die Fans ist es natürlich schön, die können sich auf noch mehr Spiele freuen.“

Bei Polen scheint alles an Robert Lewandowski zu hängen – oder täuscht der Eindruck?

Wichniarek: „Natürlich ist Robert Lewandowski der größte Star der Mannschaft, keine Frage. Aber: Beim Sieg gegen Deutschland war er nicht unbedingt derjenige, der die beste Leistung gezeigt hat. Er musste erst erkennen, dass er auch dann wichtig für die Mannschaft ist, wenn er mal kein Tor schießt. Ich denke, bei ihm hat es ‚Klick‘ im Kopf gemacht. Er hat gezeigt, dass er auch kämpfen kann und bereit ist, alles zu geben. So wie alle anderen auch.“

Wie wichtig war der Sieg in der Quali gegen Deutschland?

Wichniarek: „Die Mannschaft hat im Grunde erst durch diesen Erfolg richtig zusammengefunden, die Spieler haben unheimlich an Selbstvertrauen gewonnen. Nicht zuletzt hat auch der Trainer davon profitiert. Bis zu jenem Spiel war Adam Nawalka höchst umstritten. Soweit ich weiß, sollte er im Falle einer Niederlage gegen Deutschland sogar entlassen werden. Seine Entscheidung, Arkadiusz Milik als zweite Sturmspitze zu bringen, brachte die Wende. Auf einmal ging die Mannschaft wie eine Rakete nach oben.“

Was trauen Sie der polnischen Nationalmannschaft in Frankreich zu?

Wichniarek: „Wir haben alles in der eigenen Hand. Bei einem Sieg gegen Nord­irland kann man sich wahrscheinlich sogar eine Niederlage gegen Deutschland leisten (das Interview fand vor Polens Auftaktpartie statt; die Red.). Somit wird wohl das Spiel gegen die Ukraine entscheidend. Ich sehe eine gute Chance, die Gruppe zu überstehen. Danach hängt viel von der Tagesform ab, ein bisschen Glück braucht man natürlich auch.“

Ist der Weltmeister gut genug, um das Turnier zu gewinnen?

Wichniarek: „Deutschland gehört immer zu den Favoriten. Wobei sie in der Quali nicht so überragend waren, auch in den letzten Spielen fehlte mir das Tempo. Sie haben zwar oft 75 Prozent Ballbesitz, aber das erscheint mir alles zu langsam. Bei den Deutschen fehlen mir die Überraschungsmomente. Wenn Jogi das nicht ändern kann, wird es schwer.“

Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?

Wichniarek: „Ich habe Belgien auf dem Zettel. Sie haben eine Super-Quali gespielt, da ist eine tolle Mannschaft entstanden. Die Frage ist nur, ob jetzt auch der Kopf mitspielt.“

Interview: Alex Heinen

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