16.06.2019

Oberliga-Abpfiff für Union

In dieser Woche vor 30 Jahren

Für den 1. FC Union überschlagen sich, was die Zugehörigkeit der Köpenicker zur Ersten Liga angeht, derzeit die Jubiläen. Exakt am 27. Mai, am Tag des 0:0 im Relegations-Rückspiel gegen den VfB Stuttgart und dem damit verbundenen erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga, ist es 30 Jahre her gewesen, dass die Wuhlheider in der DDR-Oberliga ihr letztes Heimspiel als Erstligist bestritten. Allerdings steht der Abstieg gemeinsam mit Sachsenring Zwickau schon vor dem 2:4 gegen den 1. FC Magdeburg fest, weil nur fünf der 26 Saisonspiele gewonnen, aber 16 verloren werden. Während die Zwickauer nach ihrem Wiederaufstieg gleich wieder in die DDR-Liga absteigen, müssen die Männer aus der Alten Försterei nach vier Jahren mal wieder den Weg nach unten antreten.

Am 3. Juni nun ist es drei Jahrzehnte her, dass die Rot-Weißen ihr letztes Spiel in der DDR-Oberliga bestritten und bis zu diesem Sommer von einer Rückkehr in den Erstligafußball nur träumen durften, wobei dieser Traum ab und an nahezu verzweifelte Züge anzunehmen schien, weil er in weiter, ganz weiter Ferne lag.

Vor 30 Jahren ist es so, dass nicht nur die Abstiegsfrage gegen die Unioner geklärt, sondern die Meisterfrage zugunsten von Dynamo Dresden entschieden ist. Die Elbflorenzer haben sich am 23. von 26 Spieltagen den Titel gesichert und damit die Rekordserie des BFC Dynamo nach zehn Meisterschaften am Stück eindrucksvoll beendet. Am Ende behaupten sich die Sachsen mit einem satten Vorsprung von acht Punkten und sichern sich ihren insgesamt siebten Titel.

Damit ist die letzte Partie des 1. FC Union ausgerechnet beim neuen Meister eigentlich nur etwas für die Statistik, inzwischen aber bekommt sie für die Köpenicker doch so etwas wie einen gewissen Wert. Allerdings dürfen die Gäste vom neuen Titelträger keinerlei Gnade erwarten, denn der möchte das Ende seiner zehnjährigen Titelabstinenz mit einem wahren Volksfest für seine Anhänger begehen. Genau das bekommen die Köpenicker von der ersten Minute an zu spüren. Während sich eine Woche zuvor im Heimspiel gegen Magdeburg ganze 2000 (!) Fans in der Alten Försterei verlieren und so für den Saison-Minusrekord an Zuschauern sorgen, feiern im Dynamo-Stadion 27.000 Fans ihre Elf.

Die Männer von Trainer Karsten Heine – er darf trotz des frühzeitig feststehenden Abstieges im Amt bleiben; kurios zudem ist, dass es in der gesamten Saison nirgendwo eine Trainerentlassung gibt! – und dabei speziell Torhüter Henryk Lihsa kommen vom Anpfiff des Thüringer Unparteiischen Günter Supp aus Meiningen an unter Dauerdruck. Eigentlich macht beim 0:5 (0:2) Dynamos Doppelspitze mit Ulf Kirsten (19.) und Torsten Gütschow (21.) schon mit den beiden ersten Treffern alles klar, nach der Pause ist die Union-Suppe mit weiteren Toren von Gütschow (60., 76.) und Jörg Stübner (67.) ganz und gar versalzen, auch weil Dresdens Trainer Eduard Geyer keinerlei Stillstand im Spiel seiner Elf duldet. Güt­schow übrigens wird mit 17 Treffern Torschützenkönig vor Kirsten (14) und den beiden BFC-Dynamo-Stürmern Thomas Doll und Andreas Thom, die auf jeweils 13 Tore kommen.

Mit diesem Spiel in Dresden ist für den 1. FC Union eine historische Etappe beendet, in der es die Köpenicker einschließlich ihrer Vorgängervereine Union bzw. Motor Oberschöneweide auf Rang 14 (von insgesamt 46 Vereinen) in der Ewigen Tabelle der DDR-Oberliga bringen. In 19 Spieljahren bestreiten sie 520 Partien, gewinnen 144 und verlieren 241 bei einem Torkonto von 423:617. In diesem letzten Erstligaspiel für 30 Jahre ist auch Lutz Hendel dabei, der rot-weiße Erstliga-Rekordspieler. „Meter“, wie Hendel aufgrund seiner nicht gerade üppigen Körpergröße genannt wird, bringt es auf 191 Spiele.

Für heutige Verhältnisse regelrecht unverständlich mutet es an, dass es die Anhänger längst nicht so gut mit ihrem Verein meinen wie derzeit. Sind die Spiele aktuell lange im Voraus ausverkauft, so kommen in der Saison 1988/89 in die Alte Försterei zu den 13 Heimspielen insgesamt nur 94.500 Zuschauer. Das entspricht einem durchschnittlichen Besuch pro Spiel von lediglich 7269. Von „Kult“ ist, zumindest was die Zuschauerzahlen angeht, in jener bislang letzten Erstliga-Saison noch vergleichsweise wenig zu spüren …

Von Robert Klein

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