25.07.2020

Mission perfekt erfüllt

Der SC Charlottenburg schafft den Wiederaufstieg in die Berlin-Liga und will nun länger im Oberhaus bleiben

Foto: Verein

Der Auftrag war klar nach dem unglücklichen Abstieg aus der Berlin-Liga im Sommer 2019. Den erteilte sich Jörg Riedel eigentlich auch selbst. Er lautete „Wiederaufstieg“ – und der im Winter 2018/19 gekommene Trainer nahm sich dabei mindestens genau so in die Pflicht wie die Mannschaft. Das Resultat kann sich sehen lassen. Der SC Charlottenburg kehrt nach einer Saison wieder zurück ins Berliner Oberhaus. Und das letztlich überaus souverän. Nach 20 Spieltagen hatte der SCC in der 2. Abteilung der Landesliga satte acht Punkte Vorsprung auf den Zweiten Novi Pazar.

An der Berechtigung des Meistertitels für die Charlottenburger gab es nicht den Hauch eines Zweifels. Auch das Torverhältnis drückte es aus: 70 selbst erzielten Treffern standen nur 18 Gegentore gegenüber. In beiden Rubriken setzte der SCC auch hier die Bestmarken.

„Natürlich hätten wir die Meisterschaft am liebsten ganz regulär in einer kompletten Saison auf dem Platz geregelt“, sagt Jörg Riedel. Aber beim SCC konnten sie ja nun auch nichts für das Coronavirus, dessen Gefahr man im Mommsenstadion mit als Erstes spürte. Zwei Spieler waren beim 1:0-Sieg am 8. März gegen den TSV Mariendorf schon in häuslicher Quarantäne, weil sie in einer Berliner Diskothek waren, in dem das Virus massiv aufgetreten war. „Corona kommt näher“, sagte Riedel damals vor dem Spiel, nicht ahnend, dass es bereits das letzte der gesamten Saison sein würde. Zwei Tage später meldete sich auch Kapitän Kian Niroomand ab, nachdem er positiv auf das Virus getestet worden war, den er sich vermutlich beim Skifahren in Österreich eingefangen hatte.

Bis dahin hatte der SCC viele Beispiele seiner Stärke abgegeben. Die gute Vorbereitung zahlte sich aus, der Kader war in der Breite und von der Qualität stärker als in der Vorsaison eine Klasse höher. „Wir waren top fokussiert und sind hochkonzentriert in die Saison gegangen“, sagt Riedel. „Alle haben an einem Strang gezogen.“ Mit einem 5:0-Sieg am vierten Spieltag bei Eintracht Mahlsdorf II übernahmen die Charlottenburger Rang eins, den sie nicht mehr abgeben sollten. Nach zwei Dreiern zum Start gab es im dritten Spiel ein 1:1 gegen Internationale, der Erfolg gegen Mahlsdorf war der Auftakt einer Serie von sechs Siegen in Folge. Gegen Novi Pazar gewann der SCC mit 4:1, gegen Mariendorf 2:1.

Den ersten Dämpfer erteilte am 10. November Concordia Wittenau mit einem 3:2-Sieg, dem eine Woche später eine weitere 2:3-Niederlage beim SSC Teutonia folgte. „Vielleicht hat uns die gute Serie etwas leichtfertig werden lassen“, so Riedel im Rückblick. Die Niederlagen zehrten am Nervenkostüm. „Wir waren angeschlagen, wie ein Boxer nach einem Niederschlag. Das mussten wir erst mal verdauen“, sagt Riedel. Das schaffte die Mannschaft, bis zur Winterpause folgten weitere vier Siege, die zum Teil schwer fielen – wie das 2:1 gegen den SSC Südwest oder das 3:2 gegen den Weißenseer FC. Mit Beginn der Rückrunde aber war die Souveränität zurück. Weitere fünf Siege folgten – zuletzt eben das 1:0 gegen Mariendorf, das Nils Pötting mit seinem späten Treffer besiegelte.

Robin Kersten, Tim Harzheim, Joel Gültekin und Lucas Jokisch aus Gatow, die beiden Pötting-Brüder Nils und Yannis, Linus Grund und Patrick Maykowski waren als Verstärkung gekommen, um das Unternehmen Aufstieg zu realisieren. Fast eine komplette Mannschaft, und alle mit dem Anspruch auf einen Platz in der ersten Elf. Der eine oder andere Stammspieler der Abstiegssaison mag sich gewundert haben, nun öfter mal auf der Bank Platz nehmen zu müssen. „Aber sie sind super damit umgegangen, es gab keine Unruhe“, sagt Riedel. „Die Spieler, die den Abstieg mitgemacht haben, waren auf Wiedergutmachung aus.“

Die Vorbereitung auf die neue Saison soll am 21. Juli starten. Riedel rechnet mit einem Saisonstart für Ende August, Anfang September. Dann habe man sechs Wochen Zeit. Vom Stamm gehen nur Jokisch, der beruflich viel um die Ohren hat, und Benjamin Wollschläger (eigene Senioren). Neu sind Mladen Popovic (Srbija), Lewis Biade-Atebe (zuletzt SC Staaken), Kai ­Hörschlein (Türk­spor), Mert Bulut (Füchse) und Gino Hofmeister (BFC Preussen). Der mit einem Schnitt von 28 Jahren durchaus betagte Kader erhält so eine Blutauffrischung. Das Ziel ist klar. „Diesmal wollen wir länger als nur eine Saison in der Berlin-Liga bleiben“, sagt Riedel. Nach den beiden letzten Aufstiegen 2015 und 2018 folgte zwölf Monate später gleich der erneute Abstieg. „Dieses Raufrunter-raufrunter will hier keiner mehr.“ Mit der Umsetzung solcher Vorgaben kennt er sich ja bestens aus.

Die 70 Tore für den SC Charlottenburg erzielten:

Jokisch (13), Häsen (13), N. Pötting (8), Maykowski (6), Gries (6), Steinert (4), Wollschläger (3), Grund (3), Harzheim (3), Horchert (2), Niroomand (2), Maciel Melchor (2), Preikschat (2), Y. Pötting, Barz, Kersten (je 1).

Von Bernd Karkossa

Kommentieren