26.01.2019

Mielke scheitert vom Punkt

In dieser Woche vor 50 Jahren

Das muss man dem BFC Dynamo lassen: Er hat durchaus die Größe, als noch keine Rede von einem Titelgewinn und erst recht nicht von einem Meister-Abonnement ist, sich schon mal selbst auf die Schippe zu nehmen. Das allerdings dürfen dann auch nur Typen, die zu den ganz Großen ihres Fachs gehören und die sich so etwas von Berufs wegen herausnehmen dürfen. So wie Rolf Herricht und Hans-Joachim Preil bei der Traditionsveranstaltung der Dynamos, bei der sie im Januar 1969 „die Sau rauslassen“.

Die Star-Komiker, die in der DDR ziemlich früh schon Kultstatus genießen und dank deren Witz so manches Ventil geöffnet wird, fahren an dem Abend einen Angriff nach dem anderen auf die Lachmuskeln der ausgewählten Besucher. Ihre „Fachgespräche über Fußball“, wie sie ihr ganz spezielles Programm allein für diese gemütlichen Stunden umschreiben, lassen manchem sogar die Tränen in die Augen schießen.

Sportlich ist die Bilanz durchaus ausbaufähig, als Wiederaufsteiger liegt der BFC nach der Hinrunde auf Tabellenrang 11, drei Punkte beträgt das Polster auf den ersten Abstiegsplatz. Doch wenn es ums Renommee geht, klotzen die Macher aus Hohenschönhausen ran, da ist nur die erste Garde gut genug, den Start ins neue Jahr kulturell zu umrahmen. Neben dem Komiker-Duo sorgt vor allem Hans-Georg Ponesky für Stimmung, auch er ein bekannter Entertainer aus diversen Fernsehsendungen. Als „Spielleiter“ ist er stets auf „Ballhöhe“ und steuert zielstrebig auf den Höhepunkt der Partie hin – ein Siebenmeterschießen, das er regelrecht zelebriert.

Für dieses Siebenmeterschießen haben die Dynamos wiederum keine Mühen gescheut und einen berühmten Schlussmann von ihrem Bruderklub aus Moskau in die Dynamo-Sporthalle ins Sportforum geholt: Alexei Chomitsch, als Torwart-Ass wird er „Tiger“ genannt und ist der Vorgänger des legendären Lew Jaschin. Chomitsch, inzwischen Sportfotograf, kommt erstens in dieser Funktion nach Berlin, um in Moskau von der Traditionsveranstaltung zu berichten, zugleich aber als Schlussmann zum Siebenmeterschießen der Prominenten.
Dass der ehemalige Weltklasse-Torhüter keinerlei Geschenke verteilt und selbst vor großen Namen (und noch größeren Schulterstücken) wenig Respekt zeigt, will durchaus etwas heißen. Immerhin landet selbst der – na ja – raffiniert angeschnittene Ball von Erich Mielke in den Armen des Tigers. Der 1. Vorsitzende der Sportvereinigung Dynamo und Minister für Staatssicherheit macht gute Miene zum bösen Spiel, denn Chomitsch gehört schließlich zum großen Brudervolk aus der Sow­jetunion und darf so etwas.

Zu einer derartigen Veranstaltung gehören auch Ehrungen – und wenn es nur solche mit einem Traditionswimpel sind. Einen solchen erhalten die Oberliga-Spieler Dieter Fuchs, Konrad Dorner, Martin Skaba und Hermann Bley. Dagegen sorgt eine besondere Ehrung für das größte Spektakel des Abends und für stehende Ovationen. Als nämlich der 42-jährige Gerhard Hänsicke, der es als Mittelstürmer in 19 Oberliga-Spielen auf satte sieben Tore gebracht hat, einen Teppich geschenkt bekommt, legt er darauf vor lauter Begeisterung gleich mal zehn astreine Liegestütze hin.

Immer wieder aber geht es natürlich auch um Sport und um die Oberliga-Mannschaft. „Der BFC Dynamo ist noch eine junge Mannschaft, der die Zukunft gehört“, sagt etwa Stadttrainer Helmut Jacob. Und: „Ein Platz im Mittelfeld ist durchaus möglich.“ Dieses Lob unterfüttert Trainer Hans Geitel mit seiner Einschätzung der ersten Trainingstage der Vorbereitung auf die Rückrunde, die für die Weinrot-Weißen am 15. Februar mit dem Heimspiel gegen Chemie Leipzig beginnt: „Ich glaube, dass meine Mannschaft in guter körperlicher Verfassung ist. Ich habe ihr in dieser Hinsicht in den letzten Wochen nichts geschenkt.“

Auch von dem Höhepunkt der Vorbereitung erfahren die Gäste an diesem Abend. Joachim Hall, ein alter Hase und auf nahezu allen Positionen einsetzbar, verkündet: „Am 29. Januar geht es erst einmal zu einer Tournee mit sechs Spielen nach Ungarn, wo wir auch auf die Spitzenmannschaft von Dozsa Ujpest treffen und spätestens dann wissen, wo wir stehen.“

Von Robert Klein

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