26.05.2019

Letzte Runde vor dem Krieg

In dieser Woche vor 80 Jahren

Mai 1939. Ein letzter Frühling im Frieden. Mit jedem Tag aber wächst die Kriegsgefahr. Und auf der Bühne der internationalen Diplomatie herrscht hektische Betriebsamkeit, um Bündnisse und Beistandspakte zu schließen. Seit Deutschland am 15. März unter Bruch des Münchner Abkommens von 1938 die sogenannte „Rest-Tschechei“ besetzt hat, hängt die Friedenshoffnung am seidenen Faden. Großbritannien und Frankreich haben am 31. März für den Fall eines deutschen Angriffs eine Garantieerklärung für Polen abgegeben. Die Zeichen stehen auf Sturm.

Dessen ungeachtet wird „Normalität“, wird Alltag gelebt. Auch im Fußball. Seit dem 2. April spielen die 18 Gaumeister in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Es wird die letzte vor dem Zweiten Weltkrieg sein. Und es ist die erste „großdeutsche“ Meisterschaft nach dem Anschluss Österreichs (im März 1938) und des Sudetenlandes (im September 1938 nach dem Münchner Abkommen) an das Deutsche Reich. Aus Österreich ist Admira Wien als Gaumeister Ostmark dabei, aus dem Sudetenland der Warnsdorfer FK (ein FK Varnsdorf spielt heute in der 2. Liga Tschechiens).

Am 21. Mai 1939 fallen die letzten Entscheidungen in den Gruppenspielen. Als einziger Halbfinal-Teilnehmer steht bislang der Hamburger SV fest, der sich in Gruppe I gegen Blau-Weiß 90 (Berlin-­Brandenburg), den VfL Osnabrück (Niedersachsen) und Hindenburg Allenstein (Ostpreußen) durchgesetzt hat. In Gruppe III spielt Dessau 05 (Mitte) das Zünglein an der Waage. In Halle empfangen die Anhalter Tabellenführer Stuttgarter Kickers (Württemberg, 7:3 Punkte), dem schon ein Unentschieden reicht, um Admira Wien (7:5) hinter sich zu lassen. Der VfR Mannheim (Baden, 5:7) und Dessau (3:7) sind bereits aus dem Rennen. In der Gruppe IV kommt es am letzten Spieltag zum direkten Duell zwischen Schalke 04 (Westfalen) und Vorwärts-­Rasensport Gleiwitz (Schlesien, beide 8:2). Wormatia Worms (Südwest, 4:6) und Kassel 03 (Hessen, 0:10) sind abgeschlagen.

Ein „Endspiel“ sehen am 21. Mai auch die Zuschauer in Düsseldorf, wo die Fortuna (Niederrhein) im Rückspiel der Sieger der Gruppen II a und II b (jeweils Dreier-Staffeln) auf den Dresdner SC trifft. Die Sachsen stehen nach dem 4:1 im Hinspiel mit einem Bein im damals „Vorschlußrunde“ genannten Halbfinale um den Titel. Für die SpVgg Sülz 07 (Mittelrhein) und Viktoria Stolp (Pommern) in der Gruppe II a sowie Schweinfurt 05 (Bayern) und Warnsdorf in der Staffel II b ist die Saison vorzeitig beendet.

Zu einer klaren Angelegenheit gerät die Partie in der Schalker Glückauf-Kampfbahn. „Schalke spielte auf wie der kommende Deutsche Meister! Da konnte Gleiwitz nur zuschauen – und lernen“, schreibt die Fußball-Woche. Szepan (42.), Berg (51.), Kalwitzki (70.) und Gellesch (89.) besorgen vor 40.000 Fans die Tore zum 4:0-Endstand. FuWo: „Am Abend aber gab es in Gelsenkirchen und Schalke nur eine Frage: Wer wird in der Vorschlußrunde Schalkes Gegner sein?“ Die Antwort: Der Dresdner SC. Er erkämpft in Düsseldorf in einer mitreißenden Partie vor 35.000 Zuschauern ein 3:3 (2:1). „Helmut Schön wieder der Beste“, titelt die FuWo in ihrer Ausgabe am 23. Mai voll des Lobes über den späteren Bundestrainer aus Dresden.

Auch der HSV hat seinen Halbfinal-­Gegner für den 4. Juni gefunden. Weil die Stuttgarter Kickers vor 15.000 Zuschauern in Halle gegen Dessau 05 mit 0:1 verlieren, zieht Admira dank des besseren Tordurchschnitts in die Runde der letzten vier Mannschaften ein.
Und was macht der Vertreter aus Berlin-Brandenburg? Blau-Weiß 90 unterliegt im Mommsenstadion dem Ostpreußen-Meister sang- und klanglos 0:3 (0:2). „Der Rekord im Mißerfolg ist erreicht“, schreibt FuWo-Chef Ernst Werner unter seinem Kürzel „E.W.“. „Die Berliner verhüllen ihr Gesicht, streuen Asche auf ihr Haupt und binden sich falsche Nasen um, damit sie keiner erkennt – sie sind beschämt.“ Am Ende seines Spielberichts fragt der für seine Nähe zum NS-Regime bekannte Werner: „Ist es doch der ‚Sündenpfuhl‘ Berlin, der schuld ist? Aber leben junge Fußballspieler in Allenstein, Dresden, Gelsenkirchen, Hamburg, Wien und wo sonst es noch starke Mannschaften gibt, wie die Mönche?“

Beim Finale am 18. Juni in Berlin bewahrheitet sich dann die FuWo-Prognose: Vor 100.000 im Olympiastadion wird Schalke „Großdeutscher“ Meister, besiegt Admira Wien 9:0 (4:0).

Von Horst Bläsig

Kommentieren

Vermarktung: