06.02.2015

Kreisliga-Kick statt Regionalliga-Revue

Adil Boukantar kickt jetzt bei Minerva 93 II

Adil Boukantar (Mitte) ist ein guter und ein ebenso guter Plauderer. Foto: Verein

Als Halil Yener vor anderthalb Jahren auf Wunsch seiner Neffen Murat und Mesut die neugegründete Reserve des SC Minerva 93 als Trainer übernahm, wollte er ein Team schaffen, das durch menschlichen Zusammenhalt zu fußballerischen Erfolgen findet: „Daher werden nur Freunde und Bekannte der bisherigen Spieler in der Mannschaft aufgenommen.“ Alle Neuzugänge werden auch ausgiebig auf „Herz und Nieren“ geprüft, um abzuklopfen, ob sie ins Team passen.

So war es auch, als drei Spieler den Trainer auf einen Freund hinwiesen, der sich zu Beginn der Rückrunde 2013/14 ein Spiel von Minerva II anschaute. Es handelte sich um Adil Boukantar. „Zunächst habe ich geschaut, wie er menschlich ist. Schließlich haben wir neben einigen erfahrenen Spielern auch Fußballanfänger im Team“, beschreibt Halil Yener das Auswahlverfahren. Die Sorge, Boukantar (30) könne nicht passen, erwies sich als grundlos.

Nachdem Adil Boukantar in den Jugendteams des 1. FC Lübars, bei Hertha BSC und Tennis Borussia seine fußballerische Ausbildung erhalten hatte, wechselte er 2002 in die Regionalliga-A-Jugend des FC St. Pauli. Doch Verletzungen bremsten ihn immer wieder aus. Er spielte fortan bei den Reserven des FC St. Pauli und Eintracht Braunschweig in den jeweiligen Verbands- und Oberligen, um 2009/10 beim FC Oberneuland Regionalligaluft zu schnuppern. Es folgten zwei Jahre Thüringen-Liga bei Wacker Nordhausen, die mit dem Aufstieg in die Oberliga endeten. Nur nicht für Boukantar. Nach einem Kreuzbandriss war seine Zeit im Leistungsfußball vorbei. Doch wer wie er Fußball im Blut hat, kann auf Dauer nicht nur zuschauen. Nachdem er Minervas Coach Yener menschlich und fußballerisch überzeugt hatte, ging es nun um die Aufnahme in den Traditionsverein. Für den Vorsitzenden Dietmar Gottemeier war dies kein alltäglicher Anmeldevorgang, denn Boukantar hatte zuletzt einen geschätzten Marktwert von 75.000 Euro. Für den Kiezclub, seit einigen Jahren im Wedding beheimatet, wäre das nicht zu stemmen gewesen. Die Nordhäuser legten Boukantar aber keine Steine in den Weg, erteilten die Freigabe ablösefrei. Der Deutsch-Marokkaner durfte in der C-Kreisliga auflaufen.

Schnell entwickelte sich Boukantar in seiner neuen Umgebung zu einem Leistungsträger. Obwohl seine Kreuzbandverletzung noch nachwirkt und sich der Mittelfeldregisseur gelegentlich läuferisch wie kämpferisch zurückhalten muss, macht er dies durch seine technischen Qualitäten und seine charismatische Ausstrahlung wett.

Plaudereien aus dem Leben

Mit den Erfahrungsträgern wie Ex-Berlinliga-Torwart Metin Yener sowie den veranlagten Alper Kazan, Ibrahim El-Yassine und Yasin Yigit baut er die Mitspieler auf und sorgt für eine Leistungsteigerung. „Außerdem kann Adil vorne aus jeder Situation etwas Gutes machen“, ergänzt Trainer Yener. Ein erfahrener Teamplayer – was kann man sich in der Kreisliga C Besseres wünschen? Die Mitspieler hängen Boukantar nach dem Freitagstraining an den Lippen, wenn er seine unzähligen Geschichten erzählt. Oft muss Halil Yener ihn bremsen, damit die Platzwarte Feierabend machen können. Die Clique zieht bei Bedarf weiter in ein nahegelegenes Shisha-Café, um den Erzählabend fortzusetzen. Das Redetalent hat Boukantar inzwischen beruflich umgesetzt, sein Geld verdient er bei einer Versicherungsagentur, während Fußball nur noch als Freizeitausgleich dient.

Von Kilian Daske

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