27.10.2018

Klare Sache im Bruderduell

In dieser Woche vor 40 Jahren

Dass der Fußball die verrücktesten Geschichten schreibt, ist schon lange klar. Oft aber legt der Pokal noch einen drauf. Denn solch ein Duell wie in der 1. Hauptrunde des FDGB-Pokals im Oktober 1978 zwischen Jürgen Bogs und seinem Bruder Erhard hätte es sonst nie gegeben: Jürgen, erst 31 und die zweite Saison Oberligatrainer beim BFC Dynamo, und der zwei Jahre jüngere Erhard, Kapitän von Zweitligist Chemie PCK Schwedt, treffen im Schwedter Städtischen Sportplatz Albert-Bartel-Straße – die Anlage, die 5000 Zuschauer fasst, ist mit 3500 Besuchern gut gefüllt – aufeinander.

Die Schwedter, die sich zu Saisonbeginn mit dem ehemaligen Juniorenauswahltorhüter Holger Keipke (von Motor Eberswalde) sowie den talentierten Harry Rath und Andreas Weichert (beide vom Nachwuchs des FC Vorwärts Frankfurt/Oder) verstärkt haben, wollen den Favoriten zumindest ein wenig ärgern. Allerdings ist das ein schweres Unterfangen, zumal die Berliner in der Oberliga nach sieben Runden mit sieben Siegen die Tabelle mit drei Punkten Vorsprung vor Dynamo Dresden und dem FC Carl Zeiss Jena anführen, während sich die Schwedter in der Staffel B der DDR-Liga lediglich im Mittelfeld befinden. Ein klein wenig Flair bringen sie dennoch mit: Manfred Geißler, ihr Trainer, ist ein ehemaliger Nationalspieler. Und an der Linie, als Assistent von Schiedsrichter Peter Müller aus Cottbus, verdient sich der junge Magdeburger Bernd Heynemann, in den Jahren danach einer der besten Oberliga- und später auch Bundesliga-Referees, seine Sporen.

Ein Husarenritt des Zweitligisten hätte gut zu dieser Runde gepasst, denn mit Wismut Aue (1:3 bei Motor Suhl), Stahl Riesa (3:4 im Elfmeterschießen bei Chemie Leipzig), Chemie Böhlen (1:2 bei Energie Cottbus), Sachsenring Zwickau (0:1 bei Chemie Wolfen) und dem Halleschen FC Chemie (0:1 bei Stahl Hennigsdorf) bleiben gleich fünf der 14 Erstligisten auf der Strecke, außerdem benötigt Pokalverteidiger 1. FC Magdeburg bei seinem 4:1 bei Stahl Thale die Verlängerung und ein Eigentor des Zweitligisten zum Weiterkommen.

Dazu, die aktuelle Nummer 1 des DDR-Fußballs auch nur phasenweise aus dem Konzept zu bringen, sind die Schwedter jedoch in keiner Minute der einseitigen Partie in der Lage. Im Gegenteil: Das 6:0 (4:0) des Oberliga-Spitzenreiters ist der höchste Sieg dieser Runde. Vom Anpfiff weg gibt es nur eine Mannschaft, die dem Spiel ihren Stempel aufdrückt, das sind die Männer aus Hohenschönhausen. Allein die Marschroute des Gastgebers, die Angriffe des übermächtigen Gegners mit einem verstärkten Mittelfeld aufzufangen und selbst mit zwei Spitzen für Nadelstiche zu sorgen, ist nach gerade mal 60 Sekunden Makulatur: Ein herrlicher 25-m-Freistoß von Frank Terletzki sorgt bereits in der ersten Minute für die Führung des klaren Favoriten.

Wohl berappeln sich die Schwedter ein wenig, wozu der eigentliche Mittelfeldspieler, diesmal jedoch in der Abwehr eingesetzte Erhard Bogs beiträgt, auch zieht sich der gerade 19-jährige PCK-Linksverteidiger Steffen Engelmann gegen Nationalspieler Hans-Jürgen Riediger eine Stunde lang bravourös aus der Affäre. Insgesamt aber entlädt sich über den Gastgebern ein Tore-Gewitter. Bereits zur Pause sind nach weiteren Treffern von Wolf-Rüdiger Netz (18.), erneut Terletzki (20.) sowie Hartmut Pelka (38.) die Fronten klar. Weil sich die Dynamos auch in der Abwehr keine Blöße geben und Vorstopper Rainer Troppa eine exzellente Partie abliefert, verlebt Bodo Rudwaleit einen ziemlich ruhigen Nachmittag. Erst als seine Vorderleute nach dem Seitenwechsel die Zügel schleifen lassen, muss der Schlussmann einige Male auf der Hut sein, verhindert mit guten Paraden den Ehrentreffer der Schwedter und hat Glück, dass ein Kopfball von Rath an der Latte landet.

Während den Chemikern selbst in ihrer besten Phase nichts Zählbares gelingt, schlägt auf der anderen Seite Riediger, der seinen Bewacher Engelmann müde gelaufen hat, zweimal zu (77., 85.) und macht das halbe Dutzend voll. Damit ist das Bruderduell erst gar nicht heiß gelaufen, es ist eigentlich bereits nach wenigen Sekunden entschieden.

Von Robert Klein

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