14.07.2019

Karriere mit vielen Knicken

In dieser Woche vor 50 Jahren

Länger schon hat es sich angedeutet, dass Harald Seeger auf den Rechtsverteidiger von Chemie Leipzig bauen kann. Der Nationaltrainer der A-Auswahl der DDR hat tatsächlich ein Auge auf den Abwehrspieler geworfen, weil der mit stabilen Leistungen über die gesamte Saison 1968/69 geglänzt und den Chemikern aus Leutzsch nach zwei Spieljahren, in denen sie als Zwölfter jeweils nur hauchdünn dem Abstieg entronnen sind, eine Stütze auf dem Weg zu Tabellenplatz 6 ist. Er poliert die leichte Patina des Altmeisters auf und könnte für eine neue Ära sorgen, indem er in den Kreis des Nationalteams stößt. Sein Name: Bernd Dobermann.

Gerade fünf Jahre ist es her, dass die Grün-Weißen nach der Neustrukturierung des Fußballs in der Buch- und Messestadt als legendärer „Rest von Leipzig“ unter ihrem Kult-Trainer Alfred Kunze Sensationsmeister werden. Doch da ist bei den Leutzschern von Dobermann noch lange nichts zu sehen. Bei Medizin Leipzig bekommt er seine sportliche Ausbildung, bevor er 1962 zum SC Lokomotive wechselt. Die dortige erste Mannschaft spielt zwar in der Oberliga, doch Dobermann, 18 Jahre jung, schafft es nur ins Juniorenteam und in die Reservemannschaft.

Weil das nicht sein Anspruch ist, schließt er sich Lok Ost Leipzig an, einem Drittligisten. Drei Jahre spielt er dort, bis 1966, ehe er über eine Saison bei Chemie Böhlen in Leutzsch landet, wo Haudegen und Kapitän Manfred Walter in die Jahre gekommen ist und Klaus Lisiewicz seine Laufbahn beendet hat, wo aber mit Bernd Bauchspieß ein weiterer Nationalspieler den Ton angibt und Dobermann gemeinsam mit Walter sportlich an die Hand nimmt. Der spielt als rechter Verteidiger auf einer Position, die in der Nationalelf mit dem Berliner Vorwärts-Ass Otto Fräßdorf zwar exzellent besetzt ist, doch hinter dem Armee-Fußballer klafft eine große Lücke. Nicht auszudenken für die Auswahl, sollte sich Fräßdorf verletzen.

Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970 hat bereits begonnen, die DDR-Elf rechnet sich nach einem 2:2 zum Start gegen Italien und einem 2:1 gegen Wales durchaus noch Außenseiterchancen aus, da schlägt Dobermanns Stunde. Noch nicht im ersten Test vor dem Qualifikations-Endspurt, dem Spiel gegen Chile, in dem das Dresdner Supertalent Hans-Jürgen Dörner debütiert und das mit einem 0:1 für eine einzige Enttäuschung sorgt. Dabei gehört Dobermann da schon zum Aufgebot.

Sein großer Augenblick kommt zwei Wochen später, am 9. Juli 1969, im Ostseestadion in Rostock. Ägypten ist der Gegner. Für die DDR-Elf deutet sich ein personeller Umbruch an. Neben Dobermann steht mit Harald Schütze vom BFC Dynamo ein weiterer Debütant, die Magdeburger Jürgen Sparwasser und Manfred Zapf bestreiten ihr jeweils zweites, der Dresdner Hans-Jürgen Kreische sein viertes und der Zwickauer Torhüter Jürgen Croy auch erst sein achtes Länderspiel. Es läuft trotzdem wie geschmiert. Der 7:0-Erfolg nach Toren von Henning Frenzel (6., 32., 59.), Eberhard Vogel (7.), Sparwasser (80., 82.) und Wolfram Löwe (84.) ist 1969 der zweithöchste der DDR-Länderspielgeschichte.

Für Dobermann stehen die Karten trotzdem nicht gut. Er wird zwar zweimal gegen den Irak eingesetzt, doch zählen diese Begegnungen nicht als offizielle Länderspiele, sondern nur als Vergleiche einer Oberliga-Auswahl. Ebenso ist es mit einem Spiel gegen Chile, das erstens auch als Oberliga-Vergleich firmiert, Dobermann als vermeintlicher Joker aber nach Protesten der Südamerikaner, noch bevor das Spiel fortgesetzt wird, wieder vom Platz genommen wird, weil zwar fünf Auswechslungen vereinbart sind, die des Leipzigers aber bereits die sechste wäre …
Was ihm bleibt, ist nach letztlich verpasster WM-Qualifikation (einem 3:1 in Wales folgt ein 0:3 in Italien) nur ein weiteres Länderspiel – ein halbes Jahr später, am 19. Dezember 1969, erneut gegen Ägypten. Weil es in Kairo aber ein 1:3 setzt, ist die Ära von Harald Seeger als Nationaltrainer beendet. Georg Buschner übernimmt, doch Dobermann spielt im A-Team keine Rolle mehr. Schlimmer noch: Er wird zum Armeedienst eingezogen, schafft es über Vorwärts Cottbus zwar zum FC Vorwärts Berlin, doch hier ist nach nur 21 Oberligaspielen Schluss.

Verletzungsprobleme setzen der Karriere, die mit vielen Knicken verbunden ist, trotzdem aber bis ins Nationalteam geführt hat, mit 29 Jahren zwar noch nicht das endgültige Aus, aber in die Oberliga gibt es kein Zurück. Bei Rotation 1950 Leipzig folgen lediglich ein Jahr in der zweiten, ansonsten einige weitere Spieljahre in der dritten Liga.

Von Robert Klein

Kommentieren

Vermarktung: