22.12.2018

Jena gelingt Revanche

In dieser Woche vor 50 Jahren

Keine sechs Monate ist es her, dass Ulrich Prüfke den riesigen Pokal in seinen Händen hielt und ebenso wie Torschütze Ralf Quest, der ihn bei dieser Mucki-Übung nach Kräften unterstützte, unter dem Monstrum von 96 Zentimetern bei einem Gewicht von 37 Kilo nahezu zusammengebrochen wäre. Jeder aber weiß, dass der damalige Sieg des 1. FC Union, dieses 2:1 im Finale des FDGB-Pokals am 9. Juni 1968 über den FC Carl Zeiss Jena, neben Stolz auch jede Menge Adrenalin freigesetzt hat. Pokalsieger wird man auch in der DDR nicht, weil die Mannschaft Sympathien hat, sondern weil sie auf dem Weg dahin etliche Gegner aus dem Weg räumt und im Endspiel sogar den frischgebackenen Meister in die Knie zwingt.

Nun will es der Pokal mit seinen sprichwörtlich eigenen Gesetzen hin und wieder doch, dass er seine Sensationen irgendwann geraderückt. Die Gelegenheit zur Wiedergutmachung erhält Jena im Achtelfinale des nachfolgenden Wettbewerbs, wenn auch in der Alten Försterei und vor lediglich 5000 Zuschauern. Freude haben die Fans kaum, und das sogar aus mehreren Gründen. Erstens verlieren die Köpenicker durch ein Kopfballtor von Jenas Vorstopper Michael Strempel mit 0:1 (29.) und fliegen so als Pokalverteidiger aus dem Wettbewerb, zweitens zerfällt die Partie in viele Einzelaktionen und übertriebene Zweikämpfe, und drittens sind beide Mannschaften mit jenen vom Endspiel ein halbes Jahr zuvor nicht mehr zu vergleichen.

Auf Unioner Seite fehlen beispielsweise die verletzten Wolfgang Wruck und Reinhard Lauck, der erkrankte Prüfke und der aus disziplinarischen Gründen suspendierte Günter „Jimmy“ Hoge. Die Thüringer ihrerseits müssen auf Defensivmann Peter Rock (verletzt) und Stürmer-Star Peter Ducke (auch er ist suspendiert) verzichten und haben nicht einmal ihren Erfolgstrainer Georg Buschner dabei, weil der ebenso wie sein Assistent Fritz Zerrgiebel krank ist. Dafür glänzt der im Sommer von Sachsenring Zwickau gekommene Nationalspieler Harald Irmscher, indem er einen Freistoß so präzise schlägt, dass der zu Strempel findet und damit zum goldenen Tor führt.

Irgendwie ist diese Partie eine gehörige Enttäuschung, weil sich einige Spieler kaum auf den Ball konzentrieren, sondern nur auf ihren – sozusagen persönlichen – Gegenspieler. Kurios dabei ist, dass Torschütze Strempel sich zunächst nur auf die Verfolgung von Meinhard Uentz, auch er ja ein Final-Torschütze, macht und den auf Schritt und Tritt beschattet, Uentz Ähnliches aber mit Roland Ducke macht. So gibt es im Mittelfeld plötzlich eine höchst ungewöhnliche Dreiergruppe, aus der sich Uentz und Ducke zum Glück aber alsbald verabschieden und noch zu den wenigen Aktivposten ihrer Mannschaften werden.

Das Spiel ist andererseits ein Exempel dafür, wie am Beispiel von Quest aus einem Final-Helden ein Unglücksrabe wird. Der Stürmer bekommt auch deswegen, weil er im Endspiel das 2:1-Siegtor erzielte, mit Jürgen Werner einen „Kettenhund“ an seine Fersen. Bereits nach fünf Minuten hat Werner den Angreifer dreimal gefoult und ist von Schiedsrichter Rudi Glöckner verwarnt. Als der Zeiss-Abwehrmann schließlich doch mal nach vorn prescht und Quest ihm hinterhereilt, ist er diesmal derjenige, der den Gegner foult. Genau das führt zu jenem Freistoß, den Irmscher auf den Kopf von Strempel …

Wie sehr die Gäste von ihrem wenn auch knappen, dennoch aber verdienten Sieg schon während des Spiels überzeugt sind, zeigt ein Dialog, den Strempel mit seinem Verteidigerkollegen Werner führt und diesen mahnt, doch besser auf Quest aufzupassen. „Der ist doch fix und fertig“, sagt Werner nur und hat damit nicht einmal Unrecht.
Bevor die Unioner die Neuauflage des Endspiels aber endgültig in den Sand setzen, geben sie dennoch alles. Phasenweise greifen sie mit Mann und Maus an, finden in der knochenharten Zeiss-Abwehr aber keine entscheidende Lücke. „Die eine oder andere Möglichkeit zum Ausgleich besaßen wir zwar“, findet Trainer Werner Schwenzfeier, „trotzdem war nicht zu verkennen, dass schon von hinten heraus die Aktionen zu ungenau aufgebaut wurden.“

So reicht es nicht einmal für ein Wiederholungsspiel, und die Aktion erfolgreiche Pokalverteidigung endet bereits im Achtelfinale. Eines aber ahnen die Rot-Weißen trotz der Niederlage: Der Glanz des Finalsieges überstrahlt alles und wird Jahrzehnte andauern.

Von Robert Klein

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