25.07.2020

Immer noch im Höhenflug

Die Reise geht weiter: Polar Pinguin schafft Durchmarsch in die Landesliga – Defensivbollwerk als Fundament

Foto: Bill Menzer/Verein

Im Reich der Tiere wären die Pinguine aus Alt-Tempelhof längst Superstars. Denn im Gegensatz zu Kaiser-, Brillen- und allen anderen – bekanntermaßen flugunfähigen – Pinguinarten kann sich die „Spezies Polar“ zu echten Höhenflügen aufschwingen. Und wer meint, nach mehreren Jahren Überflieger-Dasein, müsste die Kolonie so langsam wieder zum Landeanflug ansetzen, der irrt: In der Bezirksliga-Saison 2019/20 feierte die 1. Mannschaft von Polar Pinguin ihren vierten Aufstieg und die dritte Meisterschaft binnen fünf Jahren. Seit der Emanzipation vom Freizeitbetrieb und der gleichbedeutenden Anmeldung für den organisierten Verbandsfußball im Jahr 2015 geht es für Polar nur in eine Richtung: nach oben.

„Auch vor dieser Bezirksligasaison haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt. Ich wusste, dass die Mannschaft Qualität hat, um vorne dabei zu sein“, blickt Pinguin-Trainer Taimaz Sadeghi auf den vorigen Sommer zurück, als Polar als absoluter Frischling in der achthöchsten Spielklasse an den Start geht.

Startschwierigkeiten? Sind für die Sadeghi-Truppe ein Fremdwort. In der 1. Abteilung gibt es zum Auftakt ein 5:3 über SW Spandau („Für viele der Staffelfavorit“, merkt Sadeghi an), ein 3:1 bei Union 06 und ein 2:0 gegen Mitaufsteiger Al Dersimspor II. Dem Auftakt nach Maß folgen ein Remis und vier weitere Siege am Stück. Nach acht Spielen haben die Pinguine noch kein einziges Mal verloren. „Aber auch Stern 1900 II und Heinersdorf waren stark“, betont der Coach. „Nicht umsonst haben sie uns beide in der Hinrunde geschlagen.“ Ungeachtet jener beiden einzigen Hinrunden-Niederlagen schnappt sich Polar die Herbstmeisterschaft – vor allem aufgrund einer bären-, nein, pinguinstarken Defensive im 3-6-1-System. Mit 42 geschossenen Toren kann sich die Polar-Offensive zwar nicht als Torfabrik der Abteilung profilieren, muss sie aber auch nicht: Der Abwehrverbund – angefangen bei den Keepern Bastian Mildt und Mohamed Mahawech – bildet ein nur selten zu überwindendes Bollwerk. „Daniel Vogt hinten drin war unsere Bastion“, lobt Sadeghi. „Mit einer guten Abwehr gewinnst du eben Meisterschaften. Wir wollten darum aus einer grundsoliden Defensive herauskommen.“ Dies gelingt mit Bravour: In insgesamt 20 Spielen fangen sich die Pinguine nur 23 Gegentore – auf dem Rasen war kein Bezirksligateam defensivstärker. Nur beim VfB Hermsdorf (2. Abteilung) steht auf dem Papier noch ein Gegentor weniger zu Buche, allerdings schlägt sich hier eine Wertung vom Grünen Tisch zugunsten der Reinickendorfer nieder.

Und auch Sommer-Neuzugang Malek Tarfa, mit 13 Treffern Polars bester Torschütze, erhält von Sadeghi ein Sonderlob mit Defensiv-Bezug: „So ein zielstrebiger Angreifer macht im Training die Abwehr besser. Malek hat unsere Abwehrspieler immer gefordert. Im Spiel habe ich ihn dann öfters als Schienenspieler auf der Außenbahn eingesetzt, wo er seine Aufgaben nach hinten leidenschaftlich erfüllt hat.“ Ein Sonderlob kriegt auch Sondermann: „Moritz‘ Wert kann ich mit Worten nicht beschreiben. Wir sind froh, dass er wieder bei uns angefangen hat“, schwärmt Sadeghi vom Zwölf-Tore-Mann in der Sturmspitze.

Ehe Corona die Rückrunde im Frühling dann jäh lahmlegte, gab es Ende Februar nochmal ein richtiges Highlight für alle Polar-Anhänger: Dem 1:0-Sieg im Pankower Kissingenstadion über Mitaufsteiger BSV Heinersdorf gehen grandiose 90 Bezirksliga-Minuten voraus, in denen Tarfa schließlich mit einem Lupfer-Tor den Meilenstein zur ersten Landesliga-Saison der Vereinsgeschichte legt. „Das ist in Erinnerung geblieben“, sagt Sadeghi, der die Mannschaft nach dem Durchmarsch in die neue Spielklasse überraschenderweise nicht mehr trainieren wird: „Ich bin ja parallel auch noch beim SV Empor B-Jugend-Trainer, wohne in Prenzlauer Berg. Der Anfahrtsweg hatte es in sich, rein zeitlich ist das mit zwei Teams leider alles nicht zu machen. Außerdem bin ich Vater geworden.“

Einen besonderen Abschiedsgruß möchte Sadeghi den Polar-Fans hinterlassen, die das Team in Heimspielen zu Höchstleistungen pushten: „Unglaublich, wie voll und laut es da immer war. Und so fair: Auch gute Gegnerleistungen wurden honoriert. Wir gehen in absolutem Wohlwollen auseinander.“ In der Landesliga wird übrigens auch Tarfa nicht mehr an Bord sein: Ihn zieht es zum 1. FC Wilmersdorf in die Berlin-Liga. Ausgeschlossen ist eine neue Erfolgsgeschichte trotzdem nicht: Pinguine sind nämlich hervorragende Schwimmer – und lassen sich auch in fremden Gewässern nicht so einfach in den Abgrund ziehen.

Die 42 Tore für Polar Pinguin erzielten:

Tarfa (13), Sondermann (12), Vogt (5), Schahn (3), Blass, Lee, Scharrnbeck, Fleschhut, Broll, Gross, Falke, Heimann, Dikkaya.

Von Julian Städing

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