03.08.2019

Im Abendkleid zum Finale

In dieser Woche vor 40 Jahren

Ursula Tusch ist Jugendleiterin bei Blau-Weiß 90. Sie ist mit sehr viel Engagement bei der Sache, kümmert sich „couragiert“ (FuWo) um alles. Die B-Jugend des Vereins spielt eine fantastische Saison und irgendwann spricht Tusch einen folgenschweren Satz aus: „Zum Endspiel nur in lang.“ Damit meint sie ihr Outfit in einem möglichen Endspiel um die deutsche Meisterschaft mit ihren Jungs. Tatsächlich erreicht Blau-Weiß 90 sensationell das Finale. Spieler und Verantwortliche erinnern Tusch gern an ihre Ankündigung. Diese zeigt Humor und erscheint am 29. Juli 1979 gegen den FC Augsburg im Abendkleid. Laut FuWo ist sie damit die „eindeutig eleganteste Zuschauerin“ im Stadion des BFC Preussen.

Der Tag ist der Höhepunkt eines unglaublichen Jahres für den Nachwuchs der Mariendorfer. Den Titel in Berlin holen sich die B-Junioren mit riesigem Punktvorsprung vor Hertha BSC. Auch außerhalb der Stadt geht der Triumphzug weiter. Der VfB Lübeck ist in der ersten K.o.-Runde kein echter Prüfstein, schon das Hinspiel gewinnt Blau-Weiß 4:0. In Lübeck heißt es 1:1. Im Viertelfinale droht zunächst das Ende aller blau-weißen Träume: 0:1 gegen den FC St. Pauli auf eigenem Platz. Vor dem Rückspiel darf die Mannschaft – dank der Bemühungen von Ursula Tusch – Quartier im Trainingszentrum des Hamburger SV beziehen. Hier schwört sich das Team ein und schafft auswärts noch die Wende, 2:0 durch zwei Tore von Michael Paulick.

„Ich wusste, dass nach dem schwachen Spiel in Berlin eine Steigerung möglich war“, sagt Trainer Rainer Helfrich: „Unser Torhüter hat größte Dienste am Erfolg.“ Dieser Torhüter wird später U-18-Europameister, U-20-Weltmeister, macht über 400 Bundesligaspiele und gewinnt den UEFA-Pokal. Sein Name: Rüdiger Vollborn.
Zunächst einmal spielt Vollborn jedoch mit Blau-Weiß 90 in den beiden Halbfinals der B-Jugend gegen Arminia Hannover. Blau-Weiß siegt in Hannover 2:1. Zu Hause gerät man vor 1500 Zuschauern in Rückstand, doch Fred Klatt und Bernd Geesdorf – später in der 2. Liga für 1860 München aktiv, er stirbt 2011 im Alter von 48 Jahren an einer unheilbaren Nervenkrankheit – drehen das Spiel noch vor der Pause. Arminia kommt nach dem Wiederanpfiff schnell zurück – 2:2. Aber dabei bleibt es, auch wegen des erneut sehr starken Torhüters Vollborn.

Ein Jahr zuvor war die A-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf bis ins Endspiel vorgedrungen, verlor nach 2:2-Halbzeitstand noch 2:5 gegen den MSV Duis­burg. Beide Tore für Zehlendorf erzielte Pierre Littbarski. Nun hat Blau-Weiß in der jüngeren Altersklasse gegen Augsburg die Chance auf den großen Wurf. 3.842 Besucher entrichten Eintritt, so die erste Info. Doch beim Zählen ist eine Kasse vergessen worden. Es sind insgesamt sogar 5.000 Zuschauer. Für Misstöne sorgt die Tatsache, dass der Deutsche Fußball-Bund 60 Prozent der Einnahmen einstreicht, während den Finalisten nur je 20 Prozent bleiben.

Augsburgs Männermannschaft ist in der Saison aus der 2. Liga Süd abgestiegen. Die Männer von Blau-Weiß stiegen aus der viertklassigen Landesliga auf. Aber nun stehen die Talente im Fokus: Der FCA-Nachwuchs tritt mit Torwart Raimund Aumann, Roland Grahammer (später beide beim FC Bayern) und Christian Hochstätter (als Profi bei Borussia Mönchengladbach) an. Ebenfalls dabei: Leo Bunk, der einige Jahre danach zu Blau-Weiß 90 wechselt und mit seinen Toren großen Anteil am Aufstieg in die Bundesliga hat.

Im Endspiel geht Blau-Weiß in der 53. Minute durch Gerald „Jerry“ Schmidt in Führung. Kurz vor Schluss gleicht Joachim Goldstein für die technisch überlegenen Gäste zum 1:1 aus. Die Verlängerung bleibt torlos. Im Elfmeterschießen treffen alle Blau-Weiß-Spieler, ein Augburger Versuch landet am Pfosten. „Die Spieler müssen sich erst einmal bei der internen Feier im Kasino sammeln, da viele den Gewinn der Meisterschaft noch gar nicht fassen können“, sagt Trainer Helfrich.
Aber es ist Fakt: Deutscher B-Jugend-Meister 1978/79 ist Blau-Weiß 90! Auf dem Siegerfoto ist auch Jugendleiterin Ursula Tusch dabei. Im Abendkleid.
Die Aufstellung von Blau-Weiß 90 im Endspiel: Vollborn – Paulick – Rießler, Collatz, Olschewski – Schröder (89. Schubert), Brandenburger, Schulze, Schmidt – Klatt (58. Pagels), Geesdorf.

Von Sebastian Schlichting

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