28.07.2019

Großer Bahnhof für Sowjets

In dieser Woche vor 50 Jahren

Eigentlich ist ein 25. Juli kein geeigneter Termin für ein Fußballspiel und schon gar nicht für ein Länderspiel. Die alte Saison ist längst Geschichte und die neue noch lange nicht so vorbereitet, dass es für die Fans ein Leckerbissen werden könnte – die Saison beginnt schließlich vier Wochen später.

Trotzdem kommen an diesem Sommertag 1969 sage und schreibe 90.000 Zuschauer ins Leipziger Zentralstadion zum Kick gegen die Sowjetunion. Zudem dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis man sich durch die Liste der Ehrengäste gelesen hat. Niemand hat dabei ernsthaft etwas mit Fußball zu tun, nicht die Eheleute Erich und Margot Honecker, nicht die zahlreichen Mitglieder des Politbüros der DDR und Mitglieder des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), auch nicht der sowjetische Fliegerkosmonaut Georgi Beregowoi, zehn Monate zuvor mit 47 Jahren der älteste Mensch, der bislang in den Weltraum geflogen war. Ganz am Ende der Liste erst taucht doch jemand auf, der bestens Bescheid weiß, wenn es um Fußball geht: Sir Stanley Rous, Präsident des Weltfußballverbandes FIFA.

Der Engländer ist den Funktionären im Osten Deutschlands durchaus sympathisch, weil er sich für sie ins Zeug legt, wenn es um die Anerkennung des Sports im Allgemeinen und des Fußballs im Besonderen zwischen Aue und Rostock, Magdeburg und Frankfurt (Oder) geht.

Nun ist er zwar zum Länderspiel gekommen, der Anlass aber ist insgeheim ein größerer, zumindest was die sportpolitische Bedeutung angeht, deshalb also der große Bahnhof. In Leipzig findet nämlich das viertägige und mit ganz viel Aufwand und zugleich enormer Begeisterung begangene V. Deutsche Turn- und Sportfest statt, zu dem selbst Avery Brundage eingeladen ist. Der Amerikaner ist Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.
In diesem hochexklusiven Rahmen steigt als sportliche Delikatesse also das Länderspiel, das mit einem 2:2 (1:1) einen angemessenen Ausgang findet, dennoch aber nicht überzeugt. Vor allem DDR-Trainer Harald Seeger ist nicht zufrieden, weil der Start mit dem frühen 1:0 durch den Leipziger Wolfram Löwe (7.) verheißungsvoll verläuft, die Gastgeber aber froh sein müssen, dass nach Gegentreffern von UdSSR-Debütant Anatoli Pusatsch (35.) und Vitali Chmelnitzki (59.) Löwes Leipziger Lok-Mitspieler Henning Frenzel am Ende das etwas glückliche 2:2 gelingt (86.).
Von Vornherein ist damit zu rechnen, dass sich die Gäste in viel besserer körperlicher Verfassung befinden würden, spielen sie ihre Meisterschaft doch im Zyklus des Kalenderjahres, während sich die DDR-Spieler inmitten der Vorbereitung auf die neue Saison befinden. „Diesen Nachteil hatten wir von Anfang an“, fasst DDR-Trainer Seeger zusammen, „es ist doch klar, dass uns der fordernde Rhythmus der Meisterschaftsspiele fehlen würde.“ Allein Innenverteidiger Klaus Urbanczyk aus Halle überzeugt, mit Einschränkungen gefallen auch Dresdens Mittelfeldmann Hans-Jürgen Kreische und Torschütze Löwe.

Alles andere versinkt im Mittelmaß oder darunter. „Ich konnte meinem Gegenspieler oft nur konsterniert hinterherschauen“, findet Otto Fräßdorf, Außenverteidiger des FC Vorwärts Berlin. „Ich weiß, die vielen Abspielfehler“, gesteht Jenas Mittelfeldmann Helmut Stein. Von fehlender Torgefahr ganz zu schweigen, denn Eberhard Vogel, auch er von Carl Zeiss und in den vergangenen Spielen die Beständigkeit in Person, bekommt in den Zweikämpfen keinen Fuß auf den Boden und kommt kaum zum Torabschluss. Auch Frenzel findet keine Bindung, beweist aber wenigstens beim Tor zum 2:2 in seinem 37. Länderspiel seine Abgeklärtheit.
Das schon ist zu wenig gegen eine Mannschaft, die körperlich topfit daherkommt. Was aber erst, wenn nicht einmal der Spielaufbau von hinten heraus klappt. „Ich hätte bei den Abschlägen in der Erde versinken mögen“, ärgert sich Torhüter Wolfgang Blochwitz maßlos, ebenso einer vom Meisterschaftszweiten Carl Zeiss Jena. So fasst Löwe zusammen, was alle denken: „Wir haben zwar schlecht gespielt, gegen einen guten Gegner aber ein gutes Ergebnis erreicht.“
Im Grunde genommen geht es an diesem Tag ja auch gar nicht um Fußball, sondern um ein Turnfest …

Von Robert Klein

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