26.07.2015

„Granaten-Stürmer gibt es in Berlin nicht mehr“

Vom Torjäger zum Stand-by-Spieler und Co-Trainer: Michael Fuß (links) ist bei Tennis Borussia jetzt der Assistent von Daniel Volbert (rechts). Foto: JouLux

Um herauszufinden, wie viele Tore Michael Fuß (38) in seiner Laufbahn geschossen hat, müsste man tief im Archiv der FuWo graben. Sehr tief. „Vier- oder fünfhundert bestimmt“, sagt Fuß selbst, andere Schätzungen gehen von mehr als 1.000 Treffern aus. Wie dem auch sei: So langsam neigt sich die außergewöhnliche Karriere des Berliner Vollblutstürmers dem Ende entgegen – oder doch nicht? Fakt ist: Zur neuen Saison wird der in Schöneberg aufgewachsene und jüngst zum „Amateurspieler der Saison“ gekürte Fuß bei Tennis Borussia als Stand-by-Spieler geführt, nebenbei soll er die Funktion des Co-Trainers ausfüllen. Zudem arbeitet Fuß seit Mitte Juni bei Daimler im Schichtdienst als Produktionshelfer.  

FuWo: Michael Fuß als Stand-by-Spieler und Co-Trainer bei TeBe – wie muss man sich das vorstellen? 


Michael Fuß: „Wenn Not am Mann ist, dann spiele ich. Ich halte mich auch fit und trainiere für mich. Sollte ich nicht spielen, dann bin ich halt Co-Trainer. Sofern es die Arbeit bei Daimler zulässt.“ 

Sie waren Thema in zahllosen Zeitungsartikeln, momentan wird eine TV-Reportage über ihre Karriere gedreht. Man könnte sagen, Sie sind Deutschlands berühmtester Amateurfußballer? 

Fuß: „Ach, na ja. Dafür habe ich auch hart gearbeitet. Aber im Endeffekt zählt das alles nichts. In ein, zwei Jahren kräht kein Hahn mehr danach.“ 

Bis ins hohe Fußball-Alter Tore am Fließband, das muss Ihnen erstmal jemand nachmachen. 

Fuß: „Kann sein. Ich habe das gerne gemacht. Dafür wurde ich bezahlt, das war mein Job. Dass ich es so gut hinbekommen habe, umso schöner.“ 

Hatten Sie nie einen Berater? 

Fuß: „Doch, Henry Hennig. Der hat mich an zwei Vereine in Westdeutschland vermittelt. Das Problem war, dass ich mich dort nicht wohlgefühlt habe. Ich war alleine, meine Familie und Freunde waren in Berlin. Ich wurde gut aufgenommen, es hat mir alles super gefallen. Aber ich war noch jung und hatte Heimweh.“ 

Können Sie sich noch an Ihr allererstes Tor im Verein erinnern? 

Fuß: „Nicht wirklich. Das war bestimmt bei Kickers 1900 in der F-Jugend, also mit fünf Jahren. Davor habe ich immer mit meinem Vater gespielt, bis ich ihm gesagt habe: Komm, bring mich zum Fußball.“ 

Wenn schon nicht ans erste Tor, dann erinnern Sie sich vielleicht an Ihre erste Zigarette? 

Fuß: „Ich glaube, da war ich zwölf. Mir war auf jeden Fall schwindelig (lacht). Aber mein Körper hat sich daran gewöhnt.“ 

Der Karriere hat es offenbar nicht geschadet. 

Fuß: „Ich bin ohnehin nicht viel gelaufen, wie sie ja wissen. Aber in den entscheidenden Momenten war ich immer da!“ 

Wo wir gerade dabei sind: Wann gab es das erste Bier? 

Fuß: „Mit 18 Jahren habe ich angefangen, nach dem Spiel ein Bier zu trinken. Das mache ich bis heute, wer weiß, vielleicht braucht das der Körper.“ 

Ihr Lieblingsstürmer ist Gerd Müller. Warum?

Fuß: „Er hatte fast die gleiche Spielweise: Strafraumspieler, Ball annehmen, Drehung, Schuss, Tor. Er hatte den Tor-Instinkt – so wie ich.“ 

Kann man Instinkt trainieren? 

Fuß: „Laufwege kann man trainieren. Aber genau da hingehen, wo der Ball ist, das können nicht viele. Ich denke nicht viel nach. Wenn der Ball kommt, will ich ihn kriegen. Meistens klappt das.“ 

Geben Sie uns einen Tipp: Wer wird 2015/16 Bundesliga-Torschützenkönig? 

Fuß: „Wenn Lewandowski fit bleibt, dann er.“ 

Was halten Sie von Herthas Salomon Kalou? 

Fuß: „Bis jetzt hat er noch nicht viel gezeigt. Wer weiß, vielleicht braucht er nur etwas mehr Zeit. Richtige Granaten-Stürmer gibt es leider nicht mehr in Berlin. Die letzten waren Pantelic und Preetz.“ 

Ihre Prognose für die Berliner Profi-Klubs? 

Fuß: „Union schafft den Aufstieg nicht, obwohl sie es verdient hätten. Hertha wird die Klasse halten, zu mehr reicht es nicht.“ 

Wie macht sich TeBe in der Oberliga? 

Fuß: „Wir haben wieder fast eine komplett neue Mannschaft. Trotzdem: Am Ende werden wir unter den ersten vier landen.“ 

Und wieviele Tore steuern Sie bei? 

Fuß: „Kommt darauf an: Wenn ich 10, 15 Spiele mache, dann werden es fünf bis sechs Tore.“

Interview: Alex Heinen

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