16.03.2019

„Glück auf – Blau-Weiß!“

In dieser Woche vor 80 Jahren

Mitte Februar 1939 scheint die Sache schon entschieden zu sein: „Für Blau-Weiß gelaufen?“, fragt die FuWo zum Titelrennen in der Gauliga Berlin-Brandenburg. Aufsteiger Blau-Weiß 90 hat zwar nicht gespielt, den Vorsprung aber trotzdem ausgebaut, weil Hertha BSC nur ein 2:2 gegen Minerva 93 schaffte. Zwischenstand: Blau-Weiß 22:8 Punkte, Hertha 20:12, Tennis Borussia 18:12.

Drei Wochen später titelt die FuWo auf Seite eins: „Entscheidung am 12. März im Olympiastadion“. Was war passiert? Blau-Weiß hatte jeweils im Poststadion zunächst vor 25.000 Zuschauern 2:3 gegen Tennis Borussia und dann vor 45.000 Zuschauern 1:3 gegen Hertha verloren. Damit stehen alle drei Mannschaften vor dem letzten Spieltag bei 22:12 Punkten. Blau-Weiß und TeBe sind auch beim Torverhältnis gleich (39:24), Hertha ist etwas schlechter (33:22). Die entscheidenden Spiele werden im Olympiastadion nacheinander ausgetragen: Erst trifft Blau-Weiß auf den SV Elektra (1925 als Werkverein der Bewag gegründet und 1938 in Elektra umbenannt, heute FC Treptow), dann TeBe auf Hertha.

Blau-Weiß – in der Vorsaison erst durch das Tor zum 2:1 gegen die BSG Lorenz in der 89. Minute des entscheidenden Spiels aufgestiegen, aber schon vor der aktuellen Spielzeit als starke Mannschaft eingeschätzt – muss vorlegen. Für Elektra auf Rang sieben geht es um nichts mehr. Doch das Spiel wird sehr ernstgenommen. Ein Akteur wird vorzeitig aus dem Tirol-Urlaub zurückbeordert, bei einem anderen eine vereinsintern verhängte Sperre aufgehoben.

Elektra schenkt dem von Beginn an stürmenden Favoriten nichts, hat früh im Spiel einen Lattenschuss zu verzeichnen. Die Mariendorfer sind nervös – und haben Pech. Gleich drei Spieler sind wegen einer während der Partie erlittenen Verletzung nicht ganz fit. Aber der Sieg muss her. Und er kommt: Der angeschlagene Reinhard Heinrich macht in der 49. Minute das Tor zum 1:0. Der Tabellenführer legt also vor, doch TeBe und Hertha kommen ja direkt danach. Hertha braucht ein 4:0 zum Titel, die Veilchen ein 2:0.

Hertha spielt in rot-weißen Trikots, ein Geschenk des Londoner Klubs Brentford FC. Tennis Borussia, mit Torschützenkönig Hanne Berndt in seinen Reihen, geht durch den erst 18 Jahre alten Fritz Wilde nach knapp 30 Minuten in Führung. Kurz vor der Pause dann die Riesenchance zum 2:0: Foulelfmeter! Aber Erich Goede trifft nicht. Bis weit in die zweite Hälfte bleibt es bei der knappen Führung, das würde ein Entscheidungsspiel um den Titel zwischen Blau-Weiß und TeBe bedeuten. Hertha verschießt ebenfalls einen Elfmeter, doch Rudolf Wilhelm gelingt kurz danach der Ausgleich. Hermann Hahn (wie Wilhelm 1930 und 1931 mit Hertha Deutscher Meister) macht das 2:1 – und Blau-Weiß 90 zum Berliner Meister.

Zehn Seiten widmet die FuWo dem letzten Spieltag. Schon der Einstieg unter der Überschrift „Glück auf – Blau-Weiß! Kopf hoch – Tennis!“ zeigt, wie sehr den Berichterstatter die letzten Spiele mitgerissen haben: „Verrauscht ist die Sinfonie der ersten überströmenden Freude, die Würfel sind gefallen, das Schicksal hat den Schlussakkord geblasen. Hart, konsequent und doch überraschend – unerbittlich und doch launisch.“ Fußball in seiner spannendsten Form. Nur in wenigen Sätzen klingt durch, in welch dunklen Zeiten der Ball knapp sechs Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs rollt. Im Stadion steht „ein Kranz von Hakenkreuzfahnen in der diesigen Luft“. Das Spiel von Blau-Weiß wird nach 15 Minuten unterbrochen: „Gefallenen-Ehrung. 60.000 Zuschauer erhoben sich, entblößten die Häupter und hoben die Arme zum deutschen Gruß.“ Reichssportführer von Tschammer und Osten ist im Stadion, die Siegerehrung wird vorgenommen vom Gaufachwart SA-Standartenführer Stöhr.
Beim entscheidenden Spiel gegen Elektra lief der spätere Meister Blau-Weiß mit folgender Elf auf: Manthey; Grabicke, Hoffmann; Balzer, Bien, Henke; Warzecha, Heinrich, Krätke, Ritter, Bornschein.

Von Sebastian Schlichting

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