08.09.2019

Geyer als Retter in der Not

In dieser Woche vor 30 Jahren

Mal wieder ist im DDR-Fußball eine Ära ganz schnell beendet. Diesmal ist es die von Nationaltrainer Manfred Zapf, der in einem Triumvirat gemeinsam mit Heinz Werner, dem einstigen Oberligatrainer von Hansa Rostock, vom 1. FC Union Berlin und vom FC Karl-Marx-Stadt, und Frank Engel, dem langjährigen Nachwuchs-Auswahlcoach, amtierte, es in sechs Länderspielen aber nur zu einem Sieg bringt, einem unbedeutenden 4:0-Erfolg gleich zum Auftakt gegen Ägypten.

Schlimmer noch: Die Qualifikation für die WM-Endrunde 1990 in Italien, in die die DDR-Auswahl unter Zapf-Vorgänger Bernd Stange mit einem 2:0 gegen Island und einem 1:3 in Istanbul gegen die Türkei alles andere als optimal startete, ist nach einem 0:2 im Rückspiel gegen die Türkei in Magdeburg, einem 0:3 in Kiew gegen die Sowjetunion und einem 1:1 in Leipzig gegen Österreich fast schon vergeigt. Die einzige Möglichkeit ist, sich mit drei Siegen in den Spielen auf Island, gegen die Sowjetunion und schließlich in Österreich doch noch zu qualifizieren. Es wäre nach 1974 der zweite Sprung zu einem WM-Endturnier.

In dieser misslichen Lage findet der Deutsche Fußballverband (DFV) der DDR zu einer Lösung, die einerseits spektakulär, andererseits aber aus der Not geboren wiederum auf der Hand liegt. Eduard Geyer, als Coach von Dynamo Dresden auf dem Erfolgsweg, soll in Personalunion sowohl die Schwarz-Gelben als auch die Nationalelf betreuen. In einer nur dürren Mitteilung wird diese wichtige Personalie verbreitet und Geyer ist gut beraten, von einer „außergewöhnlichen Herausforderung“ zu sprechen, weil der DFV einen unkonventionellen Weg gegangen ist und mit Zapf einen seiner führenden Männer nach nicht einmal vier Monaten aus der vordersten Trainerfront wieder abzieht. Geyer, als Spieler mit Dynamo Dresden zweimal Meister und einmal FDGB-Pokalsieger, führt die Männer aus Elbflorenz 1989 erstmals seit zehn Jahren und der Abonnementsmeisterschaft durch den BFC Dynamo wieder zum Titel und zugleich ins Halbfinale des ­UEFA-Pokals.

Aber der Heilsbringer scheint er zunächst auch nicht zu sein. Denn zum Länderspieldebüt am 23. August 1989 gegen Bulgarien gibt es nur ein mäßiges 1:1 (1:1). Zudem scheinen nach den jüngsten Enttäuschungen die Anhänger das Vertrauen in die Nationalmannschaft verloren zu haben, denn im Er­furter Georgi-Dimitroff-Stadion verlieren sich magere 5000 Zuschauer. Die erleben alles andere als eine Wiederauferstehung und auch die Ausstrahlung ähnelt den farblosen Auftritten zuvor. Zwar bringt Ulf Kirsten, der Dynamo-Stürmer aus Dresden und somit Geyers doppelter Schützling, die DDR-Elf mit seinem elften Tor in seinem 40. Länderspiel 1:0 in Führung (15.), doch Georgi Jordanow gleicht alsbald zum Endstand aus (28.).

Dieses Unentschieden ist nur zwei Wochen vor der Partie in Reykjavik alles andere als ein Mutmacher für den Endspurt in der WM-Qualifikation. „Wir waren verunsichert, haben nicht in die Zweikämpfe gefunden und unser Spiel hatte vor allem in der zweiten Halbzeit nur wenig Struktur“, sagt der neue Trainer und stellt seinem Team damit ein durch und durch mieses Zeugnis aus. Auch die Aussicht für die nun kommenden wichtigen Spiele sieht Geyer eher kritisch: „Wir müssen sehen, dass wir schnell unseren Rhythmus finden, denn andere Spieler als die, die bisher zum Einsatz gekommen sind, bieten sich nicht an. Aber da die Saison noch jung ist, denke ich, dass wir mit jeder Trainingseinheit mehr zueinander finden.“

Sonderliche Alternativen hat der neue Trainer tatsächlich nicht. Im Tor allerdings ist die Ära von René Müller beendet. Der Leipziger Lok-Schlussmann, der in den letzten seiner 46 Länderspiele die Mannschaft als Kapitän angeführt hat, ist nicht mehr gefragt. Auch Jörg Weißflog, der Mann von Wismut Aue, steht mit knapp 33 Jahren nicht mehr für einen Neubeginn. Dass jedoch mit Dirk Heyne der Torhüter vom 1. FC Magdeburg nach zehneinhalb Jahren in der Warteschleife und einem damaligen 13-minütigen Einsatz gegen den Irak zu seinem zweiten Länderspiel kommt, trägt durchaus spezielle Züge. Da fallen die zwei Jahre, die zwischen dem Debüt von Burkhard Reich, Abwehrmann des BFC Dynamo, und seinem nunmehr gleichfalls zweiten Länderspiel liegen, kaum ins Gewicht.
Das alles lässt viele Fragezeichen offen bei der erhofften sportlichen Wende.

Von Robert Klein

Kommentieren

Vermarktung: