31.08.2019

Für die ganz Treuen

In dieser Woche vor 30 Jahren

DFB-Pokal im Doppelpack in Berlin: Zwei Heimspiele an zwei aufeinan­derfolgenden Abenden, unter Flutlicht im Olympia­stadion. Da ist sicher was los. Hm, na ja, es zahlen exakt 4427 Zuschauer Eintritt – bei beiden Spielen zusammen. Das bedeutet eine Stadion­auslastung von nicht ganz sechs Prozent. Den klaren Sieg bei der Zuschauerzahl trägt Hertha am letzten Mittwoch im August 1989 davon: 3221 Zahlende. Blau-Weiß 90 bringt es einen Tag vorher auf 1206.

Der Startpunkt dieses eher trostlosen Kapitels Berliner Pokalgeschichte liegt anderthalb Wochen zurück: Erste Runde, 32 Spiele. Die Bundesligisten Hamburger SV (gegen den MSV Duisburg), FC Homburg (bei Arminia Hannover) und Bayer Uerdingen (bei Kickers Offenbach) scheitern an klassentieferen Gegnern, dazu entscheidet Bayern Münchens Klaus Augenthaler das Duell zweier Erstligisten bei Eintracht Frankfurt mit einem Tor aus dem Mittelkreis. Das sind die spektakulären Nachrichten des Wochenendes.

Eher am Rande wird von den meisten registriert, dass zwei Partien auch nach 120 Minuten ohne Sieger bleiben und es zum Wiederholungsspiel kommt (diese Regelung gilt bis 1991, dann wird ab der ersten Runde das Elfmeterschießen eingeführt). Es sind die Spiele SC Jülich 1910 gegen Blau-Weiß 90
und FC Gütersloh gegen Hertha BSC. Im Karl-Knipprath-Stadion zu Jülich unterläuft Robert Holzer zu Beginn der Verlängerung ein Eigentor, Achim Wilbois macht in der 117. Minute aber noch das Tor zum 2:2-Endstand für die Gäste. Im Gütersloher Heidewaldstadion gleicht Herthas Jan-Halvor Halvorsen in der 39. Minute den Rückstand aus – Endergebnis 1:1. Die Berliner Vereine sind mit einem blauen Auge davongekommen.

Also alles auf Anfang, diesmal im Olympiastadion. Die Ausgangspositionen sind klar: Sowohl Jülich (Oberliga Nordrhein) als auch Gütersloh (Oberliga Westfalen) spielen drittklassig, während Blau-Weiß und Hertha gut in die neue Zweitliga-Saison reingekommen sind, sie stehen bei je 9:3 Punkten. Doch insgesamt ist es vom öffentlichen Interesse her eine völlig andere Fußball-Zeit, Blau-Weiß hatte in der Vorsaison einen Zuschauerschnitt von rund 6700, Hertha lag bei 8000. Zudem elektrisieren Begegnungen gegen zwei mäßig spektakuläre Gegner unter der Woche bei kühl-regnerischem Wetter nun auch nicht jeden Anhänger. Es sind eher Veranstaltungen für die ganz Treuen.

Blau-Weiß kommt gegen Jülich mit Ach und Krach weiter. Das Tor der Gastgeber, die vor der Pause viele Gelegenheiten haben, gelingt beim 1:0-Sieg Thomas Adler mit einem Flachschuss in der 33. Minute. In der zweiten Hälfte wird der Außenseiter immer stärker, verwertet jedoch auch allerbeste Chancen nicht.
Die Mariendorfer haben es gepackt – und Hertha? Würde im Falle eines Sieges gegen Gütersloh in der nächsten Pokalrunde den Bundesligisten VfB Stuttgart empfangen. Das klingt doch vielversprechend. Allerdings hat die Sache einen Haken: Zum Spiel gegen Stuttgart wird es nicht kommen. Meik Tischler – der es später im Trikot von Zweitligist Eintracht Braunschweig auf einen Einsatz als Profi bringt – hat etwas dagegen. Güterslohs Stürmer reagiert in der 48. Minute gedankenschnell, als Hertha den Ball nicht aus dem eigenen Strafraum bekommt, und macht das Tor des Abends. 50 mitgereiste Fans feiern die Überraschung.

„Es gibt überhaupt nichts zu beschönigen. Wir haben uns bis auf die Knochen blamiert“, ärgert sich derweil Herthas Trainer Werner Fuchs nach der 0:1-Pleite. Die geschätzte Einnahme von 100.000 bis 200.000 DM ist futsch. Der finanzielle Schaden sei „in dieser Saison wohl gar nicht wieder gutzumachen“, so Fuchs. Immerhin kommen am Wochenende danach über 11.000 Zuschauer in der 2. Bundesliga gegen den FC Schalke 04 (2:2).
Eine große Pokal-Saison ist aber auch Blau-Weiß 90 nicht beschieden. Schon in der nächsten Runde ist nach der 2:4-Niederlage beim 1. FC Schweinfurt 05 aus der Bayern­liga Endstation.

Von Sebastian Schlichting

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