01.12.2018

Flutlicht an!

In dieser Woche vor 45 Jahren

Das neue Flutlicht bekommt zur Premiere die ganz große Bühne. 72.000 Zuschauer, ausverkauft. Das Spielfeld ist optimal ausgeleuchtet, die Spieler werfen nur ganz geringe Schatten, schreibt der „Tagesspiegel“ und findet auch Gefallen an der Szenerie eine Stunde nach Abpfiff: „Grell erleuchtet liegt der Rasen im Olympiastadion, umrahmt von den großen Tribünen in der Dunkelheit.“ Alles lief reibungslos – beim Pokalfinale zwischen Werder Bremen und Alemannia Aachen (3:2). Das Flutlicht hat beim ersten Einsatz brilliert, rund zwei Jahre vor der WM 2006. „So haben wir uns das vorgestellt“, sagt Hans-Wolf Zopfy, Projektleiter des Stadionumbaus. Bremens Torwart Andreas Reinke spricht von „einem grandiosen Stadion. Es ist sehr schön geworden.“

31 Jahre vorher gibt es ebenfalls eine Premiere für neues Flutlicht im Olym­pia­stadion im Vorfeld einer Weltmeisterschaft in Deutschland. In einem gänzlich anderen Rahmen, in einer gänzlich anderen Fußball-Zeit. Am letzten November-Dienstag 1973 spielt Bundesligist Hertha BSC mit guter Besetzung – zum Beispiel Lorenz Horr, Luggi Müller, Erwin Hermandung und Hanne Weiner – gegen eine Auswahl Berliner Regionalligaspieler. Trainer ist Georg Gawliczek, im Hauptjob Coach von Tennis Borussia. „Das Flutlichtspiel wurde ausdrücklich genehmigt und unterliegt nicht den Energiesparmaßnahmen“, meldet die Fußball-Woche im Vorfeld. Es ist die Zeit der ersten Ölkrise. Zwei Tage vor dem Spiel findet deswegen erstmals der autofreie Sonntag statt, es herrscht ein Fahrverbot für Kraftfahrzeuge aller Art. In Deutschland gibt es zu der Zeit etwa 13 Millionen Autos.

Der Flutlichtkick von Hertha auf schneebedecktem Rasen Ende November 1973 ist nur etwas für echte Fußball-Enthusiasten, 461 Zuschauer zahlen Eintritt, damit ist das Stadion zu 0,54 Prozent ausgelastet. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist, dass das Licht gut und hell ist. Und das ist es. „Erstklassig“, schreibt die FuWo und sieht „gleißendes, taghelles und blendfreies Licht“. Unter Leitung des Berliner Bundesliga-Schiedsrichters Udo Zuchantke bringt Detlef Szymanek (Blau-Weiß 90, später unter anderem Hertha, Fortuna Düsseldorf, 1. FC Nürnberg und Schalke 04) die Regionalliga-Auswahl in Führung. Aber Hertha gewinnt 5:1 (3:1) durch zwei Tore des anderen Müller neben Luggi im Aufgebot (Vorname Kurt, genannt Kudi), Peter Gutzeit, Gerhard Grau und ein Eigentor von Stephan Hoffmann (Spandauer SV). Dass es nicht zweistellig wird, hat der Außenseiter den Torhütern Hubert Birkenmeier (TeBe) und Axel Knoche (BSV 92, zur zweiten Halbzeit eingewechselt) zu verdanken.

Wenn man es genau nimmt, ist es nur eine Teil-Premiere für die neue Lichtanlage. Denn die vier Masten gehen noch nicht in Betrieb. Dafür die 116 Scheinwerfer an den Kanten der für die WM neu errichteten Tribünendächer. Zum Vergleich: Zur WM 2006 werden es über 320 Lampen sein. Anders als heute ist das Stadion in den 70ern (und auch noch die nächsten 30 Jahre) weit weg von einer Komplettüberdachung. Lediglich die Zuschauer auf den guten Plätzen der beiden Geraden kommen in den Genuss des neuen Daches. Die zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossenen Umbaumaßnahmen für die Weltmeisterschaft kosten 25 Millionen DM. Auch hier der Vergleich: Der Umbau vor der WM 2006 verschlingt 242 Millionen Euro.

Das Stadion bietet für die WM 1974 dann 85.000 Zuschauern Platz. So viele werden aber bei keinem der drei in West-Berlin ausgetragenen Spiele zugegen sein, obwohl eines davon Deutschland gegen Chile lautet. Da kommen 83.168 Besucher – Rekordmarke im gesamten Turnier. Das DFB-Team gewinnt ein wenig berauschendes Spiel durch ein Tor von Paul Breitner in der ersten Halbzeit 1:0. Nur gut 17.000 Interessierte finden sich bei Australien gegen Chile ein, sie sehen keine Tore. 28.300 sind es beim Auftritt der Chilenen gegen die DDR – 1:1, DDR-Torschütze ist Martin Hoffmann zur zwischenzeitlichen Führung.

Von Sebastian Schlichting

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