02.06.2019

Erster Titel für Dynamo

In dieser Woche vor 40 Jahren

Alles andere als dieser Einlauf wäre am Ende eine riesige Überraschung gewesen. Schon Wochen, eigentlich schon Monate vor Ende der DDR-Meisterschaft 1978/79 ist das Titelrennen praktisch entschieden. Zu einsam zieht der BFC Dynamo an der Tabellenspitze seine Kreise. Wie die Faust aufs Auge passt zudem, dass die Männer um Trainer Jürgen Bogs ihren Triumph ausgerechnet im Heimspiel in der 24. Punktspielrunde gegen Titelverteidiger Dynamo Dresden klarmachen. Das 3:1 (1:1) vor 22.000 Zuschauern im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark setzt am 26. Mai tatsächlich nur den lange überfälligen i-Punkt unter eine nahezu einmalige Saison.

22 Runden bleiben die Spieler aus Hohenschönhausen ungeschlagen, 18 Siege feiern sie in dieser Zeit und geben lediglich bei vier Unentschieden – zuletzt beim 0:0 beim FC Carl Zeiss Jena, aber das ist nahezu schon der Ritterschlag – Punkte ab. Sieben Zähler Vorsprung hat die Mannschaft um Kapitän Frank Terletzki da schon und nur ein 0:1 beim 1. FC Magdeburg nach dem goldenen Tor von Joachim Streich lässt so etwas wie einen Hauch von Spannung aufkommen, die so richtig keine mehr sein kann.

Nun also die Meisterkrönung mit dem Erfolg im Dynamo-Duell gegen Dresden. „Wir sind zwar nicht unbedingt zum Gratulieren nach Berlin gekommen“, sagt Gäste-Trainer Gerhard Prautzsch, „am Ende aber waren wir die Ersten, die es getan haben.“ Klar ist, dass den Dresdnern nicht einmal ein Unentschieden geholfen hätte. So liegen die Dinge nach Toren von Wolf-Rüdiger Netz (11.), Michael Noack (52.) und Rainer Troppa (77.) bei einem Gegentor von Andreas Trautmann (44.) erst recht sonnenklar. „Wir wollten unbedingt in einem Heimspiel den Titelgewinn sichern“, fasst Trainer Bogs den Plan nach Abpfiff zusammen, „das ist uns ziemlich eindrucksvoll gelungen.“
Der Endstand gerade in dieser Partie zwischen entthrontem Titelverteidiger und dem auf den Thron gestiegenen Herausforderer macht deutlich: Die Zeit von Dynamo Dresden ist vorerst vorbei, der BFC Dynamo beherrscht die Szenerie. Was der Ex-Meister mit zehn, zwölf Zügen nicht erreicht, das schafft der neue Titelträger mit zweien oder dreien, nämlich für Torgefahr zu sorgen. Das belegen zum einen die beiden ersten Tore mit klasse Vorarbeit von Hans-Jürgen Riediger, aber ebenso ein knappes Dutzend an Szenen dazwischen, die für permanente Gefahr vor dem Kasten von Dresdens Torhüter Bernd Jakubowski sorgen. Sogar einen Elfmeter pariert er, kauft Terletzki vom Punkt den Schneid ab (37.).

Tatsächlich bietet der BFC, wie in vielen Spielen davor auch, Umkehrfußball in hoher Qualität. Diesmal aber überrascht Bogs den Rivalen mit einer taktischen Finesse, die sich als wahrer Trumpf erweist. Noack, von Haus aus Außenverteidiger, kommt im Mittelfeld zum Einsatz und soll die Kreise von Dresdens Dauerrenner Hartmut Schade einengen. Das macht Noack auf ungewohnter Position derart exzellent, dass er Schade regelrecht an die Wand spielt und zudem Riediger und Netz mit langen Pässen füttert. Als kongenialer Partner Noacks erweist sich Reinhard Lauck. Weil der Oldie mit seinen 32 Jahren das extrem hohe Tempo nicht mehr in jeder Phase mitgehen kann und gerade erst von einer längeren Verletzung genesen ist, gefällt er umso mehr mit spielintelligenten Pässen, klugen Spielverlagerungen und wiederholten Rhythmuswechseln.

Weil die Berliner zum Saisonabschluss ein 10:3 bei Chemie Böhlen und ein 3:1 gegen den FC Karl-Marx-Stadt folgen lassen, sind die Dynamos bei ihrem Premierentitel ein Meister der Superlative. Sie stellen mit 46:6 einen neuen Punkt-, mit 75 Treffern einen Tor- und mit 22 ungeschlagenen Spielen von Saisonbeginn an einen Serienrekord auf. „Unser ursprüngliches Ziel war es“, sagt Bogs, „den Abstand zu Dynamo Dresden und zum 1. FC Magdeburg zu verringern. Als es aber gut lief, die Mannschaft sich zusehend stabilisierte, haben wir uns mehr vorgenommen – und schließlich auch erreicht.“ Für den noch jungen Trainer, Bogs ist erst die zweite Saison im Amt und zählt ganze 32 Jahre, geht mit dem „Gewinn des Meistertitels ein langgehegter Wunsch in Erfüllung“.
Nur ist damit aber klar: An diesem Erfolg wird der BFC Dynamo auch in Zukunft gemessen.

Von Robert Klein

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