01.09.2018

Eigendorf glänzt beim Debüt

Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Karriere und noch mehr dessen Leben dafür gemacht sind, einen abendfüllenden Film zu drehen. Eine Dokumentation auf jeden Fall, weil sein Aufstieg und sein Fall nur in der Gesellschaft des Kalten Krieges möglich sind. Am Ende aber ist es ein Thriller, weil Geheimdienste ihre Hände im Spiel haben könnten. Eines aber steht glasklar fest, nachdem der Hauptakteur am 7. März 1983 lediglich 26-jährig stirbt: Es gibt in dieser Geschichte kein Happyend.

Lutz Eigendorf ist der junge Mann, dessen kurzes und so intensives Leben diese Geschichte hergibt. Eines der größten Talente ist der Mittelfeldspieler, den der DDR-Fußball Ende der 70er Jahre hat. Schnell hat sich der Junge aus Brandenburg, wo er bei der BSG Motor Süd mit dem Fußball begonnen hatte, nach oben gespielt. Lange dauert es nicht, da ist der Jugend- und Juniorenauswahlspieler beim BFC Dynamo auch in der 1. Mannschaft etabliert. Inmitten von Nationalspielern ist er häufig einer der Besten. Sein Aufstieg verläuft planmäßig. Deshalb ist es kein großes Ding, dass Eigendorf am 30. August 1978, also vor 40 Jahren, sein Länderspieldebüt feiert.

Gleich hinter Kapitän Hans-Jürgen Dörner und Torhüter Jürgen Croy läuft er ins Erfurter Georgi-Dimitroff-Stadion, wo Bulgarien mit Iwan Tischanski, dem späteren Trainer beim 1. FC Union, im Mittelfeld der Gegner ist. Als die Partie mit einem 2:2 abgepfiffen wird, ist es Eigendorf, der mit seinen 22 Jahren als Nesthäkchen für die meisten Schlagzeilen sorgt. Beide Tore hat er erzielt, beide sogar per Kopf, obwohl das Kopfballspiel nicht gerade seine Spezialität ist und sein BFC-Co-Trainer Martin Skaba ihm erst Tage zuvor geraten hat, es dringend zu verbessern. Das 1:0 gelingt ihm nach 15, das 2:2 nach 62 Minuten.

Einer Bilderbuchkarriere steht nichts mehr im Weg, obwohl sein Vereinstrainer Jürgen Bogs seinen Spieler ab und an zu Ordnung und Disziplin rufen muss: „Er war ein Lebemann. Es kam auch vor, dass ich ihn aus dem Training rausgeschmissen habe.“ Das aber ist nicht der Grund, warum Eigendorfs Auswahlkarriere nach nur fünf weiteren Länderspielen sozusagen über Nacht vorbei ist. Als der BFC Dynamo nämlich im Rahmen des deutsch-deutschen Sportverkehrs von einem Spiel beim 1. FC Kaiserslautern auf der Rückreise in Gießen einen Einkaufsstopp einlegt, bleibt Eigendorf am 21. März 1979 im Westen.

Kaum ist die für einen unerlaubten Verbandswechsel obligatorische Sperre von einem Jahr vorbei, läuft Eigendorf für den 1. FC Kaiserslautern auf. Allerdings gerät er in der Pfalz alsbald mit Trainer Karlheinz Feldkamp aneinander und wechselt 1982 zu Eintracht Braunschweig. Dort wiederum kommt es kein Jahr später zum tödlichen Drama. Als er in der Rückrunde nur auf der Bank sitzt, fährt Eigendorf am 5. März 1983 nach dem 0:2 im Heimspiel gegen den VfL Bochum allein in seine Stammkneipe.

Gegen 23 Uhr verlässt er sie und setzt sich in seinen Sportwagen. Exakt 23.08 Uhr prallt er mit seinem Renner gegen einen Baum und zieht sich Verletzungen zu, an denen er zwei Tage später verstirbt. Weil er sich in den Westen abgesetzt hat, wird hinter seinem Tod die Stasi vermutet. Dass der Staatssicherheitsdienst der DDR seine Hände im Spiel haben könnte, wird aber nie vollständig bewiesen. Dafür steht fest, dass Eigendorf zum Unfallzeitpunkt 2,2 Promille Blutalkohol hatte.
Es wird wohl ungeklärt bleiben, ob der Lebemann in ihm seinen Tod verursacht hat oder doch geheime Mächte.

Von Robert Klein

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