21.07.2019

Die WM-Helden in Berlin

In dieser Woche vor 65 Jahren

Das Olympiastadion ist voll besetzt. 80.000 Zuschauer sind gekommen, sie erleben die Norddeutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Auch der spätere Olympia-Teilnehmer Günther Dohrow ist dabei, er wird Meister über 1500 Meter und legt in der Berliner 4x400-m-Staffel einen glänzenden Lauf ein. Außerdem treten Trachtengruppen auf und das Tänzer-Ehepaar Liselotte Köster und Jockel Stahl unterhält die Massen. Die Stimmung ist prächtig. Aber noch kein Vergleich zu dem, was los ist, als diejenigen kommen, auf die die 80.000 warten: die Weltmeister! Die Helden von Bern! Am 18. Juli 1954 sind sie in Berlin zu Gast.

Zwei Wochen ist das 3:2 im Finale gegen Ungarn her, inzwischen sind die Spieler unter anderem in München und ihren Heimatorten empfangen worden. Über 100.000 Menschen waren beispielsweise in Kaiserslautern auf den Beinen, um Fritz Walter und Co. zu begrüßen. Nicht weniger los war in Hamburg oder Essen zu Ehren von Jupp Posipal beziehungsweise Helmut Rahn. Die Fußball-Woche hatte am Tag nach dem Finale 15 Seiten zur WM im Blatt, in der folgenden Ausgabe sogar über 20. Deutschland war im WM-Freudentaumel – und ist es noch immer. Nun also ist die Mannschaft von Bundestrainer Sepp Herberger endlich in Berlin.

Die Tage zuvor sind grau und verregnet, jetzt strahlt die Sonne. Am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr landet die Pan-Am-Maschine mit dem ganzen Team auf dem Flughafen Tempelhof. Genauer gesagt, mit fast dem ganzen Team: Kapitän Fritz Walter fliegt nicht gern und ist einen Tag vorher allein angereist. In Tempelhof ist er natürlich dabei und bekommt von der Flughafengesellschaft ein Geschenk überreicht – ein Miniaturflugzeug.

Dann beginnt die Fahrt durch die Stadt, es wird ein Triumphzug. Tausende stehen an den Straßen. Auszug aus der FuWo: „Aus den Fenstern winkten Frauen oder Männer mit Taschentüchern oder was sie gerade zur Hand hatten … Neben dem Autobus fuhren Radfahrer, Polizisten legten … ihre Hand an den Tschako (die Kopfbedeckung der Polizei; die Red.), ehrwürdige Herren auf dem Kurfürstendamm zogen den Hute, verneigten sich.“ Viele Menschen eilen danach ins Olympia­stadion.

Für die Spieler steht zunächst ein Empfang im Rathaus Schöneberg an, inklusive Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Vom Regierenden Bürgermeister Walther Schreiber gibt es für jeden eine Freiheitsglocke aus Porzellan. Dazu eine goldene Anstecknadel und einen Berliner Bären in Plüschform. Danach zeigt sich die Mannschaft auf dem Rathaus-Balkon den zehntausenden Wartenden.

Der Zeitplan ist eng gestrickt: Nach dem Mittagessen mit Schildkrötensuppe und Hühnerbrust im Haus Gerhus (heute Schlosshotel Grunewald) steht ein Besuch beim Verband Berliner Ballspielvereine am Kleinen Wannsee an. Dort wartet schon die Kaffeetafel. Anschließend geht es Richtung Olympia­stadion zu 80.000 erwartungsfrohen Menschen. Bundespräsident Theodor Heuss verleiht allen Akteuren das Silberne Lorbeerblatt. Allerdings nicht gut sichtbar auf dem Rasen, sondern in einer Loge hinter einer Mauer von Fotografen. Doch die Menge bekommt noch Zeit, den Spielern begeistert zu applaudieren. Sie gehen auf eine Ehrenrunde, bei der der Jubel für die Walter-Brüder, Posipal, Rahn und Toni Turek noch ein bisschen lauter ist als für den Rest. Fritz Walter winkt mit dem WM-Pokal Richtung Tribünen.

Irgendwann durchbrechen Jugendliche die Sperren, um den WM-Helden ganz nah zu sein. Diese kennen das bereits von vorigen Empfängen und schütteln geduldig Hände oder lassen sich umarmen. Für Herberger und seine Mannschaft ist es der vorletzte öffentliche Auftritt vor dem dreiwöchigen Urlaub. Einen Tag später wartet noch die Bundeshauptstadt Bonn

Kritiker sind der Meinung, man hätte den Spielern früher Ruhe gönnen sollen. Doch beim Empfang im Schöneberger Rathaus hatte Herberger noch einmal deutlich gemacht, dass die Menschen ein Recht darauf hätten, die Weltmeister aus der Nähe zu sehen. Schließlich hätten die meisten die Spiele in der Schweiz nur per Radio oder vor den wenigen Fernsehgeräten verfolgen können. Besonders der Besuch in Berlin – „in Deutschlands alter Hauptstadt“, wie die FuWo gleich im ersten Satz des Berichts anmerkt – sei der Mannschaft ein großes Anliegen gewesen. Alle wüssten, wie schwer der Existenzkampf der Berliner seit Jahren sei.

Von Sebastian Schlichting

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