03.05.2020

Die Vereine haben es in der Hand

Außerordentlicher Verbandstag muss über die Zukunft der Saison 2019/20 entscheiden

Die Lage ist brisant. Noch ist längst nicht entschieden, ob in Berlin die Saison im Amateurbereich abgebrochen oder fortgesetzt wird, da erhielt der Berliner Fußball-Verband (BFV) in der vergangenen Woche unliebsame Post von einem Verein. Sollte die Saison abgebrochen werden, würde man den Verband verklagen. Notfalls wolle der Kläger bis vor den Internationalen Sportgerichtshof in Lau­sanne ziehen, heißt es. Harter Tobak.

Von welchem Berliner Verein die Rede ist, darf BFV-Geschäftsführer Kevin Langner nicht sagen. Es sei aber nicht die einzige Androhung einer Klage, die im Falle eines Saisonabbruchs eingegangen sei. „Es sind mehrere“, so Langner. Dem Verband indes ist schon seit einigen Wochen völlig klar, dass das Präsidium nicht einfach einen Saisonabbruch bzw. eine Saisonverlängerung über den 30. Juni hinaus beschließen kann. Dafür sei das Haftungsrisiko für den Verband „nicht überschaubar“, betont Langner. Schließlich ist in den BFV-Satzungen und -Ordnungen nirgendwo von einem Abbruch­szenario die Rede. Folglich müssen jetzt die Vereine selbst über die Zukunft der Saison 2019/20 bestimmen – und zwar via Videokonferenz auf einem Außerordentlichen Verbandstag am Sonnabend, 20. Juni. Diesen Termin gab der Berliner Fußball-Verband am vergangenen Donnerstag bekannt.

Ein erstes Meinungsbild der Vereine, entstanden nach drei Videokonferenzen am vorletzten Wochenende, hatte ergeben, dass die Mehrheit für einen Saison­abbruch ist. „Dieses Meinungsbild gilt es zu respektieren“, sagt BFV-Präsident Bernd Schultz, der inzwischen fest davon ausgeht, dass „wir in Berlin bis zum 30. Juni keinen Amateurfußball haben werden“.

Was auch immer die Klubs auf dem Verbandstag entscheiden, ist der Wille der Vereine und nicht der des Verbandes. Ob damit der BFV als Dienstleister seiner rund 170.000 Mitglieder aus der Haftung raus ist, sei dahingestellt.
Bis zum 20. Juni bleibt jetzt Zeit, um zum Beispiel für die Fortsetzung der Saison nach Corona zu werben. Geschäftsführer Langner, stimmberechtigtes Mitglied des Präsidiums, hat dazu eine klare Meinung. Er plädiert für eine Fortsetzung: „Das gibt uns die größtmögliche Flexibilität. Ich persönlich stufe den Abbruch als schlechtestes Szenario ein.“ Dabei hat er stets auch die neue Saison im Blick. Was passiert, wenn das Spieljahr 2020/21 erst im November beginnen kann? Oder gar noch später? Würde man aber die alte Saison irgendwann fortsetzen, hätte man ordnungsgemäße Auf- und Absteiger. Wann dann die Folgesaison startet, ist zum heutigen Zeitpunkt nicht von so großer Bedeutung, da derzeit niemand weiß, wann überhaupt wieder Mannschaftssport im Amateurbereich erlaubt ist.

Im Gegensatz zu anderen DFB-Landesverbänden hat sich das BFV-Präsidium bislang noch nicht klar positioniert, ob es eine Fortsetzung oder einen Abbruch der Saison favorisiert. „Ich finde sportliche Entscheidungen immer besser“, sagt Präsident Schultz. Gleichwohl gebe es „in dieser schwierigen Zeit kein Richtig und kein Falsch“. Heute in drei Wochen, am 27. Mai, will das Präsidium den Vereinen einen Vorschlag unterbreiten. Bis dahin liegen die Ergebnisse des Außerordentlichen DFB-Bundestages (virtuell mit 262 Delegierten am 25. Mai) zum weiteren Vorgehen der 3. Liga, der Frauen-Bundesliga und der Jugend-Bundesligen vor. Dass bis dahin auch der Nord­ostdeutsche Fußballverband (NOFV) eine verbindliche Entscheidung getroffen hat, wie das Procedere in den Regional- und Oberligen geplant ist, wird allseits erwartet.

Des Weiteren können sich bis dahin alle Beteiligten ein Bild über die rechtlichen Auswirkungen machen, die ein Abbruch bzw. eine Fortsetzung der Saison mit sich bringen. Der BFV hat ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben, das den Vereinen zur Verfügung gestellt wird. Das Gutachten soll die Haftungsrisiken aufzeigen, „damit alle Berliner Vereine eine Grundlage für die Entscheidungsfindung haben“, teilte der BFV mit.
In Berlin wird eine einheitliche Lösung für den Ligabetrieb der Frauen, Männer und Jugend angestrebt. Anders verhält es sich mit dem Pokal. Der Polytan-Pokal der 1. Frauen, der AOK-Landespokal der 1. Männer und der Nike Youth Cup der A-Junioren „soll möglichst sportlich zu Ende geführt werden, sobald es die behördlichen Auflagen zulassen“, so der Verband. Der Grund: In allen drei Wettbewerben ist der Berliner Pokalsieger in der kommenden Saison für den DFB-Pokal qualifiziert. Allerdings Einzelheiten zum DFB-Pokal 2020/21 sind nicht bekannt; der DFB hat dazu noch keine Entscheidung getroffen.

Von Ulli Meyer

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