29.11.2019

Der zerplatzte Traum

In dieser Woche vor 40 Jahren

Es ist für die DDR-Nationalmannschaft die nahezu einmalige Gelegenheit, sich für eine EM-Endrunde zu qualifizieren, für die 1980 in Italien. Es ist zugleich die große Chance, dass sich die „Goldene Generation“ der Fußballer aus dem Osten Deutschlands, die bereits 1974 an der WM in der Bundesrepublik teilnahm und 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal Gold holte, den Erfolg zu komplettieren und sich geradezu ein Denkmal zu setzen. Denn eine Teilnahme an einer EM-Endrunde ist den Kickern aus der DDR noch nie gelungen.

Nach den Sternen greifen wollen sie am 21. November 1979 in Leipzig, wo sechs Jahre zuvor schon einmal ein Meilenstein gelang, als zwei Tore von Bernd Bransch zu einem 2:0-Sieg gegen Rumänien führten und die Tür öffneten zum damaligen WM-Turnier. Wieder also ist es die Riesenarena in der Messestadt, die eine große Stunde erleben soll im Gruppenfinale gegen die Niederlande. Die wiederum nutzen für ihren abschließenden Spaziergang vor dem Spiel einen eher außergewöhnlichen Ort, den Zoo.

Eigentlich ist allein die Tatsache schon sensationell, dass es überhaupt zu diesem Endspiel in der Fünfergruppe kommt, zu der noch Polen, die Schweiz und Island gehören. Eine Niederlage nur hat die DDR einstecken müssen auf dem Qualifikationsweg bis hierhin, ein 0:3 vor einem Jahr in Rotterdam, und nur ein Remis hat es gegeben, ein 1:1 in Chorzow gegen Polen. Die restlichen Spiele gegen Polen (2:1), die Schweiz (2:0, 5:2) und Island (3:1, 3:0) werden gewonnen.

Klar ist nur: Egal wie die Partie endet, es wird einen hauchdünnen Ausgang geben. Noch nämlich liegen die Polen, die alle ihre acht Spiele schon hinter sich haben, mit 12:4 Punkten vorn, haben aber keine Chance auf die Qualifikation. Denn nur einen Zähler dahinter, mit 11:3, folgen Holländer und DDR-Elf gleichauf, die Oranjes jedoch mit dem besseren Torkonto, das mit 17:4 auch besser ist als das der Polen mit 13:4. Schon ein Unentschieden also bringt die Niederländer um ihren Kapitän Ruud Krol zur Endrunde, die DDR benötigt einen Sieg.
Es beginnt wie im Märchen für die Gastgeber. Der Jenaer Rüdiger Schnup­hase erzielt das 1:0 (17.), Joachim Streich aus Magdeburg gelingt mit einem Foul­elfmeter das 2:0 (33.). Diejenigen Zuschauer der 92.000, die hinter der DDR-Elf stehen, trauen ihren Augen nicht. Zwar haben die Niederländer mehr individuelle Klasse, die Gastgeber aber weit mehr Erfahrung. Ihre Startelf bringt es auf zusammen 447 Länderspiele, Vorstopper Konrad Weise aus Jena bestreitet seinen 80., Top-Angreifer Streich aus Magdeburg seinen 67. und Libero Hans-Jürgen Dörner aus Dresden seinen 60. Einsatz im Nationaltrikot.

Im Gegensatz dazu vertraut Oranje-­Coach Jan Zwartkruis ziemlich vielen Spielern, die bisher eher selten für den KNVB, den Königlichen Niederländischen Voetbalbund, aufgelaufen sind. Michel van de Korput und Dick Schoenaker kommen zu ihrem zweiten, Bennie Wijnstekers zu seinem dritten, Frans Thijssen und Simon Tahamata zu ihrem fünften, Tscheu La Ling zu seinem sechsten und PSV-Eindhoven-Ass Huub Stevens auch erst zu seinem achten Länderspiel.

Der Knackpunkt in dieser Partie ist jedenfalls kein Gegentor, sondern ein doppelter Platzverweis, den kaum jemand wahrnimmt – bis auf den portugiesischen Linienrichter Augusto Marques Pires. Der will gesehen haben, dass die Nummer 4 der DDR, Konrad Weise, die Nummer 9 der Niederländer, Tscheu La Ling, in den Rücken gestoßen und dieser sich mit einem Ellbogenschlag ins Gesicht des DDR-Vorstoppers revanchiert habe. Klarer Fall, so glauben all die, die Weises blutendes Gesicht sehen, von Konzessionsentscheidung. So geht es ab Minute 40 weiter mit zehn gegen zehn. Das spielt den Oranjes in die Karten, denn fortan ist die DDR-Abwehr unorganisiert. Prompt erzielt Frans Thijssen Sekunden vor dem Halbzeitpfiff das 1:2.

Das ist ein Nackenschlag, mit dem zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet hat. Trotzdem ist noch alles möglich für die Elf von Trainer Georg Buschner, in der jedoch schon jetzt zu erkennen ist, dass allein der Dresdner Mittelfeldmann Reinhard Häfner das technische und spielerische Rüstzeug hat, um den Oranjes auch weiterhin Paroli zu bieten und den Stevens nie in den Griff bekommt. Doch die Holländer setzen nun alles auf eine Karte. Sie kommen mit einem neuen Stürmer aus der Kabine, mit Kees Kist, Europas Torschützenkönig 1978/79. Als ob es ein Kinderspiel für ihn ist, schafft er nur fünf Minuten nach dem Wechsel das 2:2.

Von nun an spielt nur noch eine Mannschaft, nämlich die der Holländer. Spätestens mit dem 2:3 durch René van de Kerkhof (67.) sind die Messen gelesen. Von der inzwischen auch mental geschlauchten DDR-Mannschaft kommt kaum noch etwas. Zu tief sitzt die Enttäuschung, das Finale und damit die EM-Teilnahme trotz des prächtigen Beginns aus der Hand gegeben zu haben.

Von Robert Klein

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