23.06.2019

Der zerbrochene Schirm

In dieser Woche vor 55 Jahren

Der Tag beginnt für die Reisegruppe aus Berlin sehr nett, mit einer Boots­tour über den Genfer See. Das Wetter spielt zwar nicht mit, es regnet viel am 20. Juni 1964. Schön ist der Ausflug trotzdem, die Spieler von Hertha BSC gehen am französischen Teil des Sees von Bord, um sich ein kleines Städtchen anzusehen. Der mitgereiste FuWo-­Berichterstatter merkt in eigener Sache an, dass er dort leider nicht dabei sein kann, weil er seinen Pass vergessen hat.

Später am Tag – und das ist der eigentliche Grund der Reise – spielt Hertha bei Lausanne Sports. Die Partie findet im Rahmen des International Football Cups statt, im deutschsprachigen Raum auch als Rappan-Cup bekannt. Benannt nach seinem Erfinder Karl Rappan, einem Österreicher, der in der Schweiz als Trainer große Erfolge feiert. Unter anderem betreut er die Nationalmannschaft bei drei Weltmeisterschaften. Den Rappan-Cup gibt es von 1961 bis 1967, er wird danach als Intertoto-Cup weitergeführt. Der Wettbewerb ist dafür gedacht, jenen Teams internationale Spiele zu ermöglichen, die nicht im Europapokal antreten. Und es geht darum, dass die Toto-Gesellschaften auch in der Sommerpause Spiele haben, auf die getippt werden kann.

Hertha hatte am vorletzten Spieltag der ersten Bundesliga-Saison den Klassenerhalt geschafft, kurz danach im DFB-Pokal den Deutschen Meister 1. FC Köln geschlagen und dann das Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt verloren. Dazwischen begann schon der Rappan-Cup. Das Team von Trainer Jupp Schneider spielt in Gruppe A1 mit Lausanne, Standard Lüttich und Feyenoord Rotterdam und führt die Tabelle nach vier Partien an, die Schweizer haben erst eine Partie bestritten und diese verloren.

Doch sie sind stärker als erwartet und vor allem höchst motiviert. Vielleicht auch dadurch bedingt, dass sie fünf Nationalspieler im Aufgebot haben, die sich für das anstehende Länderspiel gegen Norwegen empfehlen wollen. Die Berliner betrachten das Ganze laut FuWo zunächst mit einer gewissen Gelassenheit, „dann mussten sie einen Zahn zulegen, ob sie wollten oder nicht“.

Die Gäste liegen bis zur Pause zweimal zurück, gehen aber durch Tore von Hans-Joachim Altendorff (2) und Helmut Faeder mit einer 3:2-Führung in die Kabinen. Aufgrund des Wetters sind nur 3000 Zuschauer da, doch die Atmosphäre auf den Rängen ist hitzig. Das überträgt sich in der zweiten Hälfte auf den Rasen. Beobachtungen der FuWo: Es war eine „seltsame Auffassung für ein sogenanntes Freundschaftsspiel“. Und: Die Regeln „wurden nach dem Wechsel über Bord geworfen und in gröbster Form missachtet.“ Das gilt für beide Seiten. Kapitän Faeder spricht nach Abpfiff davon, dass die Schweizer Spieler den Berlinern ständig unschöne Dinge ins Ohr geflüstert hätten. 15 Minuten vor dem Ende leistet sich Herthas Peter Schlesinger ein Revanchefoul und muss vom Platz. Das Publikum ist empört, ein Regenschirm fliegt. Da reicht es Ersatzspieler Klaus Heuer, der Schlesinger vom Rasen begleitet. Er bricht den Schirm in zwei Teile. Dessen Besitzer, der das gute Stück in Rage runtergefeuert hat, bekommt derweil eine deutliche Ansage von der Polizei.

Fußball wird auch noch geboten – und zwar recht spektakulärer: Faeder erzielt ein weiteres Tor, Lausanne macht zwei Treffer, Endstand 4:4. Das Spiel in Berlin eine Woche später endet ebenfalls unentschieden (3:3). Hertha gewinnt die Gruppe und wird im Wettbewerb, der sich noch fast ein Jahr streckt, letztlich das Halbfinale erreichen. Da ist Schluss gegen den SC Leipzig.
Der Tag in Lausanne, der mit der Bootstour so nett begonnen hatte, endet übrigens noch versöhnlich. Die Spieler, die sich zuvor mit allen Mitteln beharkt haben, verstehen sich beim anschließenden gemeinsamen Imbiss wieder bestens. „Als wäre überhaupt nichts geschehen“, notiert die FuWo.

Von Sebastian Schlichting

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