09.03.2019

„Der Tag der Lokalkämpfe“

In dieser Woche vor 70 Jahren

Wie gemein ist das denn! Da steht für die Oberliga-Fußballer im Süden Deutschlands am 6. März 1949 ein ganz besonderer Spieltag auf dem Programm: „Der Tag der Lokalkämpfe“ („Fußball-Sport“) ist angesetzt. Eine schöne Idee: alle Derbys an einem Wochenende! Doch ausgerechnet die Mutter aller Derbys fehlt in der Saison 1948/49. Dem Altmeister 1. FC Nürnberg ist der Gegner aus der Nachbarschaft abhanden gekommen.

Auf das älteste deutsche Derby müssen die Zuschauer in Franken verzichten, nachdem die SpVgg Fürth auf ganz bittere Weise 1948 von der Oberliga Abschied nehmen musste. Wegen der Reduzierung der höchsten Spielklasse von 20 auf 16 Vereine gab es am Saisonende gleich sechs Absteiger. Und die Kleeblätter erwischte es als Tabellen-15.

So bietet die 22. Runde der Saison 1948/49 fünf „Lokalkämpfe“: Bayern München – 1860 München, VfR Mannheim – Waldhof Mannheim, VfB Stuttgart – Stuttgarter Kickers, Schwaben Augsburg – BC Augsburg und FSV Frankfurt – Eintracht Frankfurt. Das sind zwei weniger als bei der Premiere des Derby-Tages Ende Dezember 1946. Nicht nur Nürnberg/Fürth setzt diesmal aus. Auch eine andere Fußball-Hochburg sieht im März 1949 kein Derby: Karlsruhe ist nur noch durch den VfB Mühlburg erstklassig. Der Karlsruher FV (Deutscher Meister 1910) und Phönix Karlsruhe (Deutscher Meister 1909) sind 1947 zusammen abgestiegen. Beide werden nie wieder in die Oberliga zurückkehren. Phönix geht im Herbst 1952 – mitten in der Saison – mit dem VfB Mühlburg eine Fusion zum Karlsruher SC ein, doch im Frühjahr 1949 ist das noch weit weg. Während in anderen süddeutschen Großstädten das Derby- Fieber ausbricht, muss der VfB Mühlburg aus der badischen Residenzstadt ins Schwäbische nach Ulm reisen, wo er zu allem Übel auch noch 0:2 verliert.

Mit dem 1. FC Nürnberg hat es der Ansetzer gut gemeint. Statt Fürth empfängt der Club am Tag der Lokalkämpfe den FC Schweinfurt 05. Die Franken bleiben also unter sich. Und auf dem Platz stehen prominente ehemalige und kommende Nationalspieler: Max Morlock, der Weltmeister von 1954, erzielt in der 4. Minute den schnellen Ausgleich für den Club, das Schweinfurter Trikot trägt das legendäre Außenläuferpaar Albin Kitzinger (44 Länderspiele von 1935 bis 1942) und Andreas „Anderl“ Kupfer, der 1950 gegen die Schweiz – als erster Kapitän der bundesdeutschen Nationalmannschaft – sein letztes von ebenfalls 44 Länderspielen bestreiten wird.

Das Duell Mittelfranken gegen Unterfranken endet 2:1. Trotzdem sind die 12.000 Zuschauer unzufrieden mit der Nürnberger Elf. „Die Fans schimpften weidlich über die mangelnde Konzentration ihrer Lieblinge, die es doch können, solange sie nur wollen“, schreibt der „Fußball-Sport“ und urteilt fast schon resignierend: „Ja, es ist schon ein Kreuz mit dieser Meisterelf.“ Nach dem 22. Spieltag steht der Deutsche Meister von 1948 in der Oberliga Süd mit 20:24 Punkten auf Platz zwölf – 19 Punkte hinter Spitzenreiter Kickers Offenbach!

Rang zwei belegt der VfR Mannheim, der sich im Derby mit dem SV Waldhof vor 20.000 Zuschauern aber mit einem 1:1 (0:1) begnügen muss. Rudolf de la Vigne rettet wenigstens einen Punkt für die Rasenspieler, in deren Reihen auch Ernst Löttke steht. Was noch keiner ahnen kann: Vier Monate später wird jener Löttke den VfR zum Deutschen Meister 1949 machen. In der Gluthitze des Stuttgarter Neckarstadions trifft er am 10. Juli im Endspiel gegen Borussia Dortmund in der Verlängerung (108. Minute) zum 3:2-Endstand. Für Süd-Champion Offenbach reicht es nur zum Spiel um Platz drei, das er am 9. Juli in Koblenz gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 1:2 nach Verlängerung verliert. Ein Jahr später stehen mit dem VfB Stuttgart und Offenbach (2:1) sogar zwei Süd-Klubs im Finale.

Die Oberliga Süd ist in den Nachkriegsjahren die stärkste Spielklasse im Land, stellt von 1948 bis 1950 dreimal hintereinander den Deutschen Meister. Bayern München muss sich in dieser Zeit noch hinten anstellen. Immerhin gewinnen die Roten am 6. März 1949 das Prestigeduell gegen die Blauen, den TSV 1860. 40.000 Fans (Rekordkulisse am Tag der Lokalkämpfe) sehen einen 1:0 (1:0)-Sieg der Bayern, die am Saisonende Dritter werden und die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft somit verpassen.

In Stuttgart versinkt der VfB nach dem 2:3 (0:2) vor 22.000 Fans gegen die Kickers im Mittelmaß. Noch schlechter ist es im Frühjahr 1949 um Eintracht Frankfurt bestellt. Die Abstiegsgefahr wächst nach dem 0:2 (0:1) gegen den Stadtrivalen FSV. „Die Adlerträger ließen sich weit in die Defensive drängen, aus der sie keiner oft genug herausführen konnte“, schreibt der „Fußball-Sport“. Hans Kircher erzielt (schon am 5. März) beide Treffer zum Favoritensieg im 88. Frankfurter Derby, das knapp 20.000 Zuschauer verfolgen. Torreich wie in Stuttgart geht es auch in Bayerisch Schwaben zu. Dort müssen sich die „Schwabenritter“ überraschend dem BC Augsburg mit 2:3 (0:3) beugen. Die Aufholjagd nach der Pause kommt vor 13.000 Fans zu spät. „Dem BCA gelang es, mit Geschick und Glück den knappen Vorsprung bis ins Ziel zu halten“, urteilt der „Fußball-Sport“.

Der Tag der Lokalkämpfe bleibt in der Oberliga Süd eine schöne Tradition bis zur Einführung der Bundesliga 1963. Und schon am 6. November 1949 stehen wieder sechs Derbys (mit insgesamt 127.000 Zuschauern) an einem Spieltag auf dem Programm. Denn die SpVgg Fürth ist sofort wieder aufgestiegen und führt nach dem 2:1 (2:1) gegen den 1. FC Nürnberg sogar die Tabelle an. Doch das ist eine andere Geschichte ..

Von Horst Bläsig

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