02.11.2019

Der Paukenschlag von Cardiff

In dieser Woche vor 50 Jahren

Die Auswahl der DDR steht vor ihrem 86. Länderspiel. Große Erfolge sind bisher ausgeblieben. Von den vorangegangenen 85 Spielen ging es 25-mal um Punkte in der WM- oder EM-Qualifikation. Manches überraschende Ergebnis hat es durchaus gegeben, so gleich im ersten Spiel im Mai 1957 ein 2:1 in Leipzig gegen Wales in der Quali für die Weltmeisterschaft 1958 in Schweden. Oder im November 1962 in Berlin ein geradezu sensationelles 2:1 gegen Vizeweltmeister Tschechoslowakei in der ersten K.o.-Runde für die Europameisterschaft.
Was es jedoch noch nicht gegeben hat, ist ein Auswärtssieg.

Mit dem rechnet auch an diesem 22. Oktober 1969 im Ninian Park von Cardiff kaum jemand. Zwar sind die Chancen der von Harald Seeger und Werner Wolf betreuten DDR-Elf, sich für die WM-Endrunde 1970 in Mexiko zu qualifizieren, nach einem 2:2 im Heimspiel gegen Italien und einem 2:1 in Dresden gegen Wales intakt, doch an einen erneuten Coup gegen die Waliser glaubt keiner wirklich. Außerdem strotzen die Gastgeber nur so vor Selbstvertrauen. „Für uns ist es keine Frage zu gewinnen“, sagt Teamchef Dave Bowen, „für uns kommt es darauf an, durch ein gutes, sicheres Spiel mit klarem Resultat die Partie in Rom am 4. November gegen Italien psychologisch vorzubereiten.“

Dabei hat er wohl noch das Hinspiel im Kopf. Zu schwer taten sich die Männer um den Hallenser Kapitän Klaus Urbanczyk da. Erst in buchstäblich letzter Sekunde drückte der Jenaer Peter Rock, eigentlich ein Defensivmann und 13 Minuten zuvor für den Leipziger Angreifer Wolfram Löwe in die Partie gekommen, mit brachialer Gewalt den Ball zum späten Sieg über die Linie des Waliser Tores. Zudem hatten selbst die hochfavo­risierten Italiener in Cardiff Schwerstarbeit zu verrichten, um zu einem eher glücklichen 1:0-Sieg zu kommen.

Was sich jedoch im Oktober 1969 während der 90 Minuten abspielt, gleicht einem Paukenschlag. Den deutet Günter Schneider, der Generalsekretär des Deutschen Fußballverbandes der DDR, kurz zuvor hinter vorgehaltener Hand zumindest schon an: „Sie erwarten uns defensiv, aber sie werden sich wundern.“

Das passiert noch nicht gleich, weil es doch zu gefährlich scheint, die volle Angriffs-Karte zu ziehen. Erst einmal abwarten, was der bullige Angreifer John Toshack, der kantige Abwehrknochen Mike England, der wieselflinke Flügel­flitzer Ronnie Rees und der nicht minder ausgebuffte Verteidiger Terry Hennessey auf der Pfanne haben. Ein klein wenig geht den Gästen dann doch die Düse, weil Toshack einen Gewaltschuss abfeuert, bei dem der Zwickauer Jürgen Croy im Kasten auf die Probe gestellt wird, weil Rees einen Heber nur knapp neben das Tor zirkelt und mit einem Kopfball sogar an der Latte scheitert (33.).

Aber dann! Die Waliser haben noch das „Go on!“ ihres Trainers aus der Kabinenansprache zur Pause im Ohr, da werden sie innerhalb von wenigen Minuten aus allen WM-Träumen gerissen. Mehrfach deutet sich die Führung des DDR-Teams an, nur gelingt sie weder bei Löwes Druchbruch (51.) noch beim Täuschungsmanöver von Henning Frenzel, Löwes Leipziger Sturmpartner (53.). Als dann aber Harald Irmscher mit einem Flatterball den walisischen Schlussmann Gary Sprake überrascht und Eberhard Vogel, der Karl-Marx-Städter Linksaußen, das 1:0 nutzt (54.), sind die Platzbesitzer verwirrt und angeschlagen. Vom überragenden Irmscher angetrieben – der Jenaer Spielgestalter brilliert mit zentimetergenauen Pässen und gelungenen Spielverlagerungen –, läuft es nunmehr wie geschmiert. Löwe (60.) und Frenzel (62.) schrauben die Führung in schneller Folge auf 3:0. Es ist sogar noch mehr drin, doch Vogel und Frenzel vergeben, bevor David Powell zum 1:3-Endstand verkürzt (83.).

Nur vier Wochen sind es bis zum entscheidenden Spiel in Neapel, wo es gegen Italien um den Gruppensieg und damit um das WM-Ticket geht. Umso mehr Notizen hat sich Ferruccio Valcareggi, der Trainer der Squadra Azzurra, gemacht. „So etwas habe ich nicht erwartet und, um ehrlich zu sein, auch nicht erhofft. Aber die DDR-Elf beherrscht das Spiel aus der Konterstellung noch besser als das Angriffsspiel, wie sie es gegen uns beim 2:2 gezeigt hat“, stellt der Italien-Coach ein klein wenig ernüchtert fest. Sein Fazit: ­„Neapel erwartet um den Gruppensieg ein großes Spiel und meine Elf auf jeden Fall ein schweres.“

Von Robert Klein

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