04.10.2019

Der EM-Traum lebt

In dieser Woche vor 40 Jahren

An der WM 1974 haben sie teilgenommen, Olympiasieger 1976 sind sie geworden, doch für eine EM-Endrunde haben sich die Fußballer der DDR noch nie qualifiziert. Diesmal, im Herbst 1979, lebt dieser Traum für die „goldene Generation“ im Osten Deutschlands wie noch nie.

Der Grundstein dafür ist trotz der Hammergruppe mit Vizeweltmeister Niederlande, den starken Polen, der Schweiz und Island längst gelegt. Zwar haben die Schützlinge von Trainer Georg Buschner ihr Match bei den Holländern im „Kuip“ von Rotterdam deutlich mit 0:3 – auch weil dem Rostocker Verteidiger Gerd Kische ein Eigentor unterläuft – verloren, nach Siegen gegen Island (3:1), Polen (2:1) und einem 3:0 im Rückspiel gegen die Isländer in Reykjavik geht es am 26. September in Chorzow darum, den punktgleichen „Klub Polska“ nicht davonziehen zu lassen und gegenüber den Oranjes (als Tabellenführer bei einem Spiel mehr lediglich zwei Zähler besser) in Lauerstellung zu bleiben.

Das Stadion Slaski gleicht mit 70.000 Zuschauern einem Hexenkessel. Die Gastgeber ziehen ihr Spiel über den angehenden Weltstar Zbigniew Boniek, der ansonsten für Widzew Lodz die Fäden zieht, und Torjäger Grzegorz Lato von Stal Mielec, den WM-Torschützenkönig von 1974, auf. Aber es will nicht so recht klappen für die Gastgeber, zu gut ist die DDR-Elf auf das Angriffsspiel der Polen eingestellt. Das liegt in erster Linie an Gerd Weber, der sich im Mittelfeld rassige und knallharte Duelle mit Boniek liefert und in diesen alles andere als schlecht aussieht. Wo auch immer Polens Spielgestalter auftaucht, er wird von seinem unmittelbaren Gegenspieler gestellt. Der Mann von Dynamo Dresden beschränkt sich indes nicht auf die Aufgabe, Boniek zu neutralisieren, er wird sogar selbst torgefährlich und scheitert mit einem Pfostenschuss (80.) nur knapp. Selbst Polens Assistenztrainer Bernard Blaut sieht es ähnlich und sagt: „Boniek hat so gut gespielt, wie wir das von ihm gewohnt sind. Aber er hatte in Weber einen Gegenspieler, wie er ihm bisher nur sehr selten gegenübergestanden hat.“

Zu diesem Zeitpunkt, als Weber an der Torstange scheitert, ist das 1:1 (0:0), das die DDR-Mannschaft gefühlt als Sieg betrachtet, allerdings bereits eingetütet. Dabei hat Reinhard Häfner, auch er ein Mittelfeldspieler aus Dresden, mit einem wunderschönen Heber über Polens Torhüter Zygmunt Kukla mit dem 0:1 (62.) die Weichen ein wenig auf Sieg gestellt. Zwar gelingt den Gastgebern doch noch der späte Ausgleich, als Joker Henryk Wieczorek, erst drei Minuten zuvor gekommen, DDR-Schlussmann Hans-Ulrich „Sprot­te“ Grapenthin mit einem Kopfball überwindet (77.), mehr lässt die aufopferungsvoll kämpfende Truppe um Kapitän Hans-Jürgen Dörner nicht zu. Der Dresdner ist angetan von der Moral seiner Mitspieler und sagt: „Es hat einfach Spaß gemacht, in dieser Mannschaft zu stehen.“

Es ist, da sind sich die Kenner des DDR-Fußballs einig, ein Spiel aus voller Kraft bis an die Grenze der physischen Möglichkeiten und damit die beste Auswärtsleistung seit Jahren. Einer, den die Polen nicht auf ihrer Rechnung haben können, fügt sich nahtlos ein: Gert Brauer. Der Rechtsverteidiger von Carl Zeiss Jena ist mit 24 Jahren nach Gerd Weber und Hans-Jürgen Riediger der drittjüngste Spieler im Team, während es der Dresdner (29 A-Einsätze) und der Angreifer vom BFC Dynamo (31) aber zusammen auf 60 Länderspiele bringen, bestreitet der Mann aus Jena sein Debüt. Das aber läuft ab wie erste Sahne: Ein Senkrechtstarter sei er, kaltblütig im Zweikampf und messerscharf im Tackling, dabei einmal auf der Linie Retter in höchster Not, als er für Grapenthin, seinen Torhüter auch aus dem Verein, den Ball von der Linie schlägt (69.) und danach voller Zufriedenheit flachst: „Das war mit Sprotte so abgesprochen.“

Alles ist offen in dieser Qualifikationsgruppe mit ihrem Dreikampf um den EM-Platz, weil die Polen (9:3 Punkte) noch Island empfangen und bei den führenden Niederländern (10:2) antreten müssen, die DDR (9:3) jedoch mit zwei Heimspielen in Berlin gegen die Schweiz und am 21. November in Leipzig gegen die Holländer dabei sogar die vermeintlich etwas besseren Karten in ihren Händen hält.

Von Robert Klein

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