30.03.2019

Der alte Fritz im Sportpalast

In dieser Woche vor 55 Jahren

Hallenfußball ist etabliert – in Skandinavien und Österreich. In Wien beispielsweise gibt es seit 1959 das äußerst beliebte Stadthallenturnier. In Deutschland ist Hallenfußball weitgehend unbekannt. Tennis Borussia geht daher neue Wege mit dem Turnier für Traditionsmannschaften Gründonnerstag 1964. Was das Wetter angeht, liegen die Veilchen goldrichtig: Am Wochenende zuvor muss das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und Werder Bremen ausfallen.

TeBe stellt ein erlesenes Teilnehmerfeld mit Spielern über 32 Jahren zusammen, acht Mannschaften sind dabei. Preußen Münster kommt mit Fiffi Geritzen, Rudi Schulz und Josef Lammers. Sie waren Teil des legendären 100.000-Mark-Sturms und standen im deutschen Meisterschaftsfinale 1951 im Berliner Olympiastadion, das vor fast 90.000 Zuschauern 1:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern endete. Eintracht Frankfurt bietet den 54er-Weltmeister Alfred Pfaff auf und Austria Wien hat mehrere österreichische Ex-Nationalspieler im Kader. Aus Berlin nehmen der BSV 92 – laut FuWo mit „allen alten Assen“ – und TeBe teil. Der Ausrichter wartet neben Fritz Wilde, Kurt „Kulle“ Manthey oder Heinz „Hase“ Warstat mit einer ganz besonderen Personalie auf: Fritz Walter, inzwischen 43 Jahre alt, trägt als Gastspieler das lila-weiße Trikot. Er war 1954 Kapitän beim „Wunder von Bern“, spielte ab der Jugend über 30 Jahre für den 1. FC Kaiserslautern und gewann mit dem FCK zweimal die deutsche Meisterschaft.

Fußball findet draußen statt, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Bis kurz vor Weihnachten, zwischen den Jahren und gleich wieder im Januar. So die Situation in Deutschland in den 60er Jahren. Zumindest in der Theorie. Den Winter interessiert das wenig, oft sorgen Schnee und Eis für reichlich Absagen. Probieren wir es doch mal in der Halle, denkt sich TeBe und bittet in den Sportpalast. Die FuWo bietet ihren Lesern im Vorfeld als Extra-Service einen kleinen Kasten, in dem die wichtigsten Regeln unter „Was man wissen muss“ aufgelistet sind: „Abseits gibt es nicht – Torschüsse dürfen nur innerhalb des Schusskreises abgegeben werden – Ein fliegendes Auswechseln der Spieler ist gestattet.“

2000 Zuschauer wollen sich diejenigen, die noch wenige Jahre zuvor den Fußball in Deutschland zum Teil entscheidend prägten, nicht entgehen lassen. Sie zahlen zwei bis sechs D-Mark Eintritt und dürften das nicht bereut haben. Die FuWo schreibt: „Nicht nur Fritz Walter glänzte am Ball. Auch viele andere … öffneten weit ihre Trickkiste und entfachten den tosenden Jubel der Zuschauer, wenn der Ball im Netz der kleinen Tore zappelte.“ Das tut er in Gruppe A allerdings selten. Dort fallen in den sechs Partien über je 2x5 Minuten zwei Tore. Bayer Leverkusen und TeBe kommen weiter. Deutlich mehr Treffer (15) hält die andere Gruppe parat, hier erreichen Münster und der BSV 92 das Halbfinale.

Für Diskussionen sorgt der Schussraum, der ein Rechteck ist und Tore von der Seite kaum möglich macht. Zudem gibt es Aufregung, weil manch Treffer nicht zählt, obwohl ein Spieler im Schussraum den Ball noch berührt. So geschehen in der Begegnung Austria gegen TeBe, in der der Ausgleichstreffer der Österreicher nicht anerkannt wird. In den Halbfinals setzen sich beide Teams der Gruppe A durch, Leverkusen 2:0 gegen den BSV 92, TeBe 2:1 gegen Münster. In der Schlusssekunde bringt Münsters Lammers den Ball noch im Tor unter, steht jedoch außerhalb des Schussraums.

Fritz Walter verzückt die Zuschauer im Sportpalast und setzt auch den Schlusspunkt: Im Finale schießt er das letzte Tor zum 4:1 für Tennis Borussia. Da geht es nach fast vier Stunden Spielzeit schon stramm auf Mitternacht zu. Die FuWo merkt an, dass sechs Mannschaften genug gewesen wären. Alles in allem gibt es aber viel Lob für die Veranstaltung. Hallenfußball ist eine echte Alternative – bis er sich in Deutschland durchsetzt, vergehen jedoch noch Jahre. Ende 1970 findet in Wuppertal das erste Hallenturnier für Profiteams statt, einige Wochen später erstmals das Turnier in der Deutschlandhalle.

Von Sebastian Schlichting

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