14.04.2019

Das Telefon steht nicht stil

In dieser Woche vor 90 Jahren

In Bern verliert die Schweiz am 14. April 1929 ein Länderspiel gegen Ungarn 4:5. In Monaco gewinnt Formel-1-Pilot William Grover-Williams den dort erstmals ausgetragenen Großen Preis. Hier aber bestimmt ein anderes sportliches Thema den Sonntag: Um 16 Uhr trifft Tennis Borussia im zweiten Entscheidungsspiel um die Berliner Meisterschaft auf Hertha BSC. Mehr als 35.000 Zuschauer kommen ins Poststadion, zahlen zwischen einer halben Reichsmark (Schwerkriegsbeschädigte) und fünf Reichsmark (Loge). Nach Abpfiff steht in der FuWo-Redaktion das Telefon nicht still. Mehrere Hundert Leute rufen an und haben nur eine Frage: „Wie hat Hertha gegen Tennis gespielt?“ Die Mehrzahl von ihnen hält es wohl mit Hertha, denn auf die Antwort „2:1 für TeBe“ folgt immer wieder die Replik: „Das wusste ich vorher. Aber ich war klug und bin nicht hingegangen.“

So steht es in der Ausgabe am Tag nach dem zweiten Finale. Garniert mit der spitzen Bemerkung: „Diese Klugen, die die Sterne funkeln hören, sind hereingefallen. Sie sind grenzenlos hereingefallen. Denn sie haben eines der fesselndsten, energievollsten und packendsten Spiele der letzten Monate versäumt.“

Aber gehen wir zunächst eine Woche zurück. Hertha, zuletzt vier Mal hintereinander Meister, und TeBe (Vize 1927/28) haben ihre Gruppen gewonnen, stehen erneut im Endspiel. Bis Anfang März sah Tennis Borussia (unter anderem mit Sepp Herberger) wie der große Favorit aus, doch der Titelverteidiger um Torwart Paul Gehlhaar, Hanne Sobek und Willi Kirsei fängt sich. Die FuWo wagt vor dem ersten Endspiel am 7. April eine Gegenüberstellung, vergibt pro Mann bis zu fünf Punkte. Dort kommt Hertha auf 46, TeBe auf 44. Fazit: „Beide sind in der Lage, Mannschaften von Rang, von absoluter Ebenbürtigkeit aufzubringen!“

40.000 Besucher strömen voller Erwartung ins Poststadion. Was sie zu sehen bekommen, fasst die FuWo mit einem Wort in der Überschrift zusammen: „Enttäuschung!“. Lediglich die Anfangsphase bietet gute Unterhaltung. Wie in der Berichterstattung dieser Zeit üblich, wird die Kritik sehr direkt formuliert: Von herumstümpern, Langeweile und großer Unzufriedenheit des Publikums ist die Rede. Nach der Verletzung von Hans Grenzel in der 25. Minute spielt Hertha zu zehnt, doch die abgesehen von einer Direktabnahme Herbergers im Angriff harmlosen Veilchen wissen dies nicht zu nutzen. Das einzige Tor des Spiels entschädigt jedoch für einiges: Hanne Sobek „schmettert die Lederkugel weit nach links zu Kirsei“. Dieser spielt überlegt zurück auf Sobek, der volley aus kurzer Distanz trifft. Elfte Minute, 1:0. Hertha ist danach Tor Nummer zwei näher als TeBe dem Ausgleich – und geht in der Finalrunde in Führung.

Der FuWo-Berichterstatter versucht sich vor Spiel zwei als Prophet: „Jetzt, wo alle wenig erwarten, wird viel kommen.“ Er liegt richtig. Auch diesmal sagt die Überschrift des Spieltextes schon viel: „Erfüllung!“ TeBe ist überlegen, Georg Strohwig trifft in der zwölften und 27. Minute zur Halbzeitführung. Hertha hat danach viele Chancen, schießt aber nur ein Tor durch den verwandelten Elfmeter von Hans Ruch. Die Veilchen siegen 2:1 und vertagen die Meisterschaftsentscheidung.

Und das gleich um mehrere Wochen. Denn nach der heißen Woche im April mit zwei Spielen ist wegen Terminproblemen lange Pause. TeBe spielt zwischendurch in Freundschaft gegen Rampla Juniors aus Uruguay. Wobei es auf dem Platz alles andere als freundschaftlich zugeht und nach Attacken der Gäste gegen den Schiedsrichter nur knapp eine Schlägerei verhindert werden kann. Danach stehen das Endspiel im Bundespokal zwischen Berlin und Norddeutschland sowie ein Städtespiel gegen Paris an. Letztlich wird das dritte Spiel um die Meisterschaft erst Ende Mai ausgetragen. Hertha gewinnt 5:2 (3:0).
Beide Berliner Vertreter nehmen an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft teil. TeBe scheitert im Viertelfinale mit 1:3 (1:1) am 1. FC Nürnberg, Hertha erreicht das Endspiel. Gegen die SpVgg Fürth heißt es in Nürnberg 2:3 (1:1).

Von Sebastian Schlichting

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