06.04.2019

Blaues Auge für Italien

In dieser Woche vor 50 Jahren

Es gibt keine Kleinen mehr – dieses geflügelte Wort darüber, dass es im Fußball, zumal in A-Länderspielen, sozusagen kein „Fallobst“ mehr gebe, hat schon lange seine Berechtigung. Immer wieder bringt ein sogenannter David einen Goliath zur Strecke oder blamiert ihn zumindest nach allen Regeln der Kunst. Das ist um ein Haar auch Italien passiert, als die „Squadra Azzurra“ am 29. März 1969 erstmals zu einem Länderspiel in der DDR antritt und beim 2:2 (0:1) im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion zum Start in die WM-Qualifikation nur dank eines späten Abseitstores von Luigi Riva mit einem blauen Auge davonkommt.

Die Italiener reisen mit allem an, was Rang und Namen hat – und Europameister sind sie sowieso. Giacinto Facchetti von Inter Mailand, der Kapitän, ist als linker Verteidiger der defensive Anführer, Gianni Rivera, das Mittelfeld-Ass von AC Mailand, der strategische Kopf. Dazu gibt es im Tor den zwar schon 27-jährigen Dino Zoff, der erst sein siebtes Länderspiel bestreitet, der jedoch erst am Anfang seiner exzellenten Karriere steht, die 13 Jahre später 1982 mit dem Weltmeistertitel triumphal endet. Da ist „Dino Nazionale“, wie die Tifosi ihren Kult-Torhüter dann schon lange nennen, legendäre 40 Jahre alt. Außerdem stützen sich die Männer um Trainer Ferruccio Valcareggi auf einen Angriff, der mit Alessandro Mazzola und eben Riva zwei Weltklasse-Stürmer aufbietet.

Was dagegen können die Trümpfe der DDR-Elf sein, die im Jahr zuvor ganze zwei Vergleiche (2:2 gegen die Tschechoslowakei im Februar und 1:1 in Polen im Oktober) bestritten hat und vor ihrem erst 81. Länderspiel steht, für das Trainer Harald Seeger mit den Magdeburgern Jürgen Sparwasser und Manfred Zapf sowie mit Erich Hamann vom FC Vorwärts Berlin und Hans-Jürgen Kreische von Dynamo Dresden auf gleich vier Neulinge im Aufgebot setzt? Zwar kommt von den möglichen Debütanten letztlich nur Kreische zum Einsatz, doch die Männer um Kapitän Klaus Urbanczyk – darunter mit Otto Fräßdorf, Gerhard Körner und Jürgen Nöldner drei Berliner vom FC Vorwärts – bringen den haushohen Favoriten dank ihres couragierten Spiels tatsächlich an den Rand einer Niederlage.

Die 62.000 Zuschauer trauen von Anfang an ihren Augen kaum. Die Italiener, für ihren Catenaccio berühmt, offenbaren etliche Löcher in ihrer Abwehr. Eines davon nutzt Linksaußen Eberhard Vogel nach Vorarbeit von Rechtsaußen Wolfram Löwe, der den überraschten Facchetti überläuft, zum verdienten 1:0 (26.). Danach ist mehr als die knappe Führung möglich, doch andererseits beweisen die Azzurri ihre Klasse. So auch beim 1:1-Ausgleich, das Rivera mit präziser Flanke vorbereitet und Riva mit Flachschuss erzielt (55.).

Aus welchem Holz das DDR-Team, in dem Urbanczyk (der Innenverteidiger aus Halle ist der beste Mann auf dem Platz) und Nöldner (fast hätte er Zoff mit einem Heber überwunden, doch Mario Bertini rettet knapp vor der Linie, 58.) mit jeweils 28 Jahren schon die Oldies sind, geschnitzt ist, zeigen die Minuten danach. Immer wieder attackieren sie und haben Erfolg, als Zoff einen Schuss von Fräßdorf erst spät sieht, den Ball abprallen lässt und Kreische im Nachsetzen die erneute Führung erzielt. Dieses 2:1 (75.) trägt sensationelle Züge, nur reicht es nicht ganz zum großen Coup, weil auf der Gegenseite erneut Riva zuschlägt. Zwar köpft er die Kugel zum 2:2 (82.) aus Abseitsposition ein, auch deshalb sieht Torhüter Jürgen Croy nahezu tatenlos zu, doch der schwedische Referee Boström erkennt diesen Treffer an. Trainer Seeger ist sauer und gibt sich alle Mühe, die Contenance zu wahren: „Zwar ist ein Unentschieden gegen den Europameister ein gutes Resultat, aber der zweite Gegentreffer war, um mich vorsichtig auszudrücken, sehr umstritten.“ Ganz anders sieht es natürlich der Torschütze: „Abseits? Ich konzentriere mich voll und ganz auf den Ball und habe kein Auge für die Verteidiger.“
Der Europameister ist erleichtert, die DDR-Elf jedoch, die ein großes Spiel gezeigt hat, hadert ein klein wenig mit den Umständen und empfindet das 2:2 letztlich fast als eine Niederlage.

Von Robert Klein

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