16.06.2019

Berliner Beitrag

In dieser Woche vor 65 Jahren

Die Ouvertüre zum Freundschaftsspiel des Vertragsligisten BFC Viktoria 89 gegen CO Roubaix-Tourcoing (CORT) am Pfingstwochenende 1954 ist bemerkenswert: Nacheinander laufen vier Musikkorps aus Frankreich, England, Deutschland und den USA im Olympiastadion ein und spielen anschließend, dirigiert von einem Engländer, den von Carl Teike Ende des 19. Jahrhunderts komponierten Militärmarsch „Alte Kameraden“. Es ist einer der wenigen deutschen Märsche, die sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg im Ausland großer Beliebtheit erfreuen.

Erst kurz zuvor ist in Genf von der Europäischen Rundfunkunion die „Eurovision“ ins Leben gerufen worden, dabei geht es um den internationalen Austausch von Fernseh- und Hörfunkprogrammen. Am Wochenende, an dem Viktoria gegen den französischen Erstligisten spielt, wird erstmals eine offizielle Eurovisionssendung ausgestrahlt, das Narzissenfest aus Montreux. „Dieses völkerverbindende Schauspiel auf dem olympischen Rasen erinnerte an das Wort ‚Eurovision‘. Man sollte dieses ‚Alte Kameraden‘ als Berliner Beitrag zu den Fernsehwochen senden“, findet die FuWo angesichts der Symbolik des musikalischen Gemeinschaftsprojektes in der in vier Sektoren aufgeteilten Stadt. Auch bei den Spielern hinterlässt der besondere musikalische Start Eindruck: „Das ist bestimmt nur in Berlin möglich“, sagt CORT-Außenläufer Maurice Berthé.

Internationale Vergleiche finden zu dieser Zeit noch häufig statt, entweder gegen Vereinsmannschaften oder als Städtespiele. Vor allem letztere verzeichnen oft riesige Zuschauerzahlen. Beim ersten offiziellen Spiel nach dem Krieg im Jahr 1951 sind gegen Zürich 90.000 Besucher im Olympiastadion. So viele lockt der 1945 aus einer Fusion hervorgegangene Verein mit dem langen Namen Club Olympique de Roubaix-Tourcoing, den alle CORT nennen, natürlich nicht annähernd. Aber immerhin 12.000 Zuschauer wollen den französischen Meister des Jahres 1947 sehen. Neben Berlins Regierendem Bürgermeister Walther Schreiber ist auch Pierre Manceaux-Demiau im Stadion, der Kommandant des französischen Sektors. Auf Wunsch der Gäste werden vor dem Anpfiff alle Spieler einzeln namentlich und mit Nennung besonderer Karrieredaten vorgestellt. Ein in Berlin bis dato unbekanntes, aber sehr positiv aufgenommenes Prozedere. Eine Ehrung gibt es für zwei „sympathische Sportsleute“ (FuWo) von Viktoria: Helmut Jonas und Karl-Heinz Schmidt bekommen Blumen für je 300 Liga-Einsätze im Trikot der Himmelblauen.

In Frankreich wird schon lange unter Profibedingungen gespielt. Auch ausländische Akteure sind begehrt. Bei CORT ist unter anderem Karl-Heinz Spikofski aktiv, der zuvor bei Rot-Weiss Essen, dem 1. FC Köln und Bayer Leverkusen war. Der FuWo erzählt Spikofski, dass er umgerechnet 2000 D-Mark im Monat verdient, plus 200 DM Prämie für einen Sieg und die Hälfte für ein Unentschieden. „Als wir die letzten drei Spiele gegen den Abstieg gewannen und in der 1. Division blieben, gab es natürlich mehr, 400 Mark Siegprämie“, sagt Spikofski. In Deutschland wird das monatliche Gehalt selbst bei Einführung der Bundesliga fast zehn Jahre später bei maximal 1200 Mark liegen.

CORT hat seine kurze Glanzzeit bereits hinter sich, steht in der Tabelle unten und steckt in finanziellen Problemen. Spikofski rechnet fest mit seinem Wechsel: „Ich glaube, CORT verkauft mich an Lyon.“ Letztlich geht er nach der Saison zu Catania Calcio nach Italien. Trotz der heiklen Situation im Verein sind die Franzosen Favorit bei Viktoria. Sie brauchen eine Weile, um dieser Rolle gerecht zu werden, führen zur Halbzeit durch einen Treffer von Spikofski nur 1:0. Doch danach ist der Unterschied zwischen beiden Mannschaften groß, Jean Lechantre und Robert Bahl erzielen die weiteren Tore zum 3:0-Erfolg.

1955 steigt der Klub ab, gibt 1963 die Profilizenz zurück und löst sich 1970 komplett auf. Heute ist Club Olympique de Roubaix-Tourcoing nur noch eine Fußnote in der französischen Fußball-Historie, 1954 in Berlin war CORT aber Teil eines symbolträchtigen Nachmittags im Olympiastadion.

Von Sebastian Schlichting

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