05.01.2019

Auf nach Kairo!

Helmut Faeder ist nervös. Aufgeregt läuft der Stürmer von Hertha BSC nach dem Vertragsligaspiel bei Tasmania 1900 (1:1) durch die Kabine des Neuköllner Stadions. „Hat denn niemand eine Uhr? Ich verpasse bestimmt mein Flugzeug“, sagt Faeder. Masseur Fritz Schellin entgegnet: „Nun bleib mal ruhig, Dicker. Du bekommst ja deine Maschine noch rechtzeitig.“ Es sind keine besinnlichen Feiertage für Faeder. Erst das Punktspiel bei Tas, einen Tag nach Heiligabend! Heutzutage undenkbar, 1958 normal. Danach schnell zum Flugzeug und von dort nach Frankfurt/Main, wo sich das Nationalteam für die Reise nach Ägypten trifft.

Faeder wechselte 1953 als 18-Jähriger vom SV Buchholz zu Hertha. Er ist eine der prägenden Figuren im Verein in dieser Zeit, schießt von 1954 bis 1963 stolze 127 Tore in der Vertragsliga. Faeder spielt in der Junioren-Nationalmannschaft, auch in der B-Nationalelf. Doch bei Bundestrainer Sepp Herberger hat er es wegen der großen Konkurrenz sehr schwer, unter anderem sind da die 54er-Weltmeister Fritz Walter, Max Morlock und Helmut Rahn. Für das Länderspiel im November 1958 gegen Österreich in seiner Heimatstadt Berlin wird Faeder nominiert, kommt aber nicht zum Einsatz.

Nach Weihnachten steht der Ägypten-Trip an. Als Herberger den endgültigen Kader benennt, fällt der Name Faeder nicht. Grund ist nach Angaben des Bundestrainers das Spiel bei Tasmania und mögliche Schwierigkeiten bei der Anreise wegen der knappen Zeit. Dann sagen einige Spieler ab, Faeder wird nachnominiert und schafft es rechtzeitig zum Treffpunkt. Die wirklichen Probleme beginnen danach. Mit acht Stunden Verspätung trifft das deutsche Team in Kairo ein. Im Hotel sind die Zimmer nicht frei. Auf Drängen der Ägypter wird die Partie entgegen der ursprünglichen Absprachen als offizielles Länderspiel ausgetragen. So kommt Faeder unverhofft zu seinem ersten Länderspiel. Genau wie Alfred Pyka (Westfalia Herne), Walter Zastrau (Rot-Weiss Essen) und Theo Klöckner (Schwarz-Weiß Essen). Später debütieren auch die eingewechselten Heinz Kördell (Schalke 04) und Karl Ringel (Borussia Neunkirchen).

30.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion müssen erst einmal warten. Weil der deutsche Bus im Stau steckt, geht es 20 Minuten später los. Auf stein­hartem Untergrund, das ist der Nachteil des schönen Wetters. In der 27. Minute geht Ägypten durch einen verwandelten Foulelfmeter von Rifaat El-Fanagily (andere Quellen nennen Alla) in Führung. Max Morlock gleicht aus, doch Aleh Selim sorgt in der 50. Minute für den überraschenden, aber verdienten 2:1-Sieg. Allerdings muss erwähnt werden, dass die Reise kurzfristig ins Programm aufgenommen wurde und daher keine normale Vorbereitung erfolgte. Die Tage nach dem Spiel sind der Kultur gewidmet – Pyramiden, Museen und anderes. Neujahr folgt das zweite Spiel, das Deutschland durch Tore von Ringel und Morlock bei einem Gegentreffer von Hamdi 2:1 (1:1) gewinnt.

Faeder, der erste Nationalspieler Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg, absolviert im zweiten Aufeinandertreffen gut 60 Minuten, doch da es eine inoffizielle Begegnung ist, bleibt die Partie am 28. Dezember sein einziges A-Länderspiel. Er „unterstrich in Ägypten, daß er ein hervorragender Techniker ist. Es zeigte sich aber auch, daß die Kondition für Länderspiele noch nicht ganz ausreicht“, schreibt die FuWo. Das liege am laschen Tempo in der Vertragsliga. Faeder selbst äußert sich nach seiner Rückkehr. Erzählt, dass die Deutschen in Ägypten sehr beliebt sind. Dass er sich mit seinem Zimmerkollegen Morlock prächtig verstand. Und dass der Museumsführer den Bundestrainer ehrfurchtsvoll mit „Baron-Chef“ ansprach. Sein Fazit: Insgesamt 30 Stunden im Flugzeug, ein anderes Klima, das waren schon Strapazen. „Wer aber nimmt sie nicht gern auf sich, um so herrliche Stunden zu verleben, wie wir sie in Kairo verleben durften.“

Von Sebastian Schlichting

Kommentieren