04.05.2019

Als der Stolz Italiens am Superga zerschellte

In dieser Woche vor 70 Jahren

Die Horrornachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Extrablätter mit Einzelheiten der Katastrophe überschwemmen die Straßen. Im italienischen Rundfunk spricht Verbandspräsident Ottorino Barassi einen ergreifenden Nachruf. Danach unterbricht der Sender für eine Minute sein Programm. Im italienischen Parlament erheben sich die Abgeordneten und Senatoren spontan von ihren Sitzen, hören stehend und in Schockstarre der Würdigung der toten Fußballer zu. Über den Vatikansender wird eine Beileidsbotschaft von Papst Pius XII. verlesen, der die meisten Spieler persönlich kennengelernt hatte.

Es ist der 4. Mai 1949. Ein Tag, an dem eine der weltbesten Vereinsmannschaften aller Zeiten auf schreckliche Weise ihr Ende findet, ein Tag, der sich für immer als tiefe Wunde in den italienischen Fußball einbrennen wird. Um 17.03 Uhr zerschellt am Hügel von Superga, dem Haus- und Wallfahrtsberg der Turiner, ein Flugzeug. Der Pilot der Unglücksmaschine, Pierluigi Meroni, kann beim Landeanflug in dichter Nebelbrühe nicht einmal die auf dem Hügel liegende mächtige Kirche erkennen und zieht die Fiat G-212 offenbar zu früh nach unten. Die Maschine streift mit einer Tragfläche die 1731 erbaute Basilika, zerschellt an ihrem Fuße. Alle 30 Insassen und der Pilot verlieren ihr Leben. Wer nicht schon beim Aufprall stirbt, wird ein Opfer der Flammen.

An Bord ist die gesamte Mannschaft des FC Turin, ein Ausnahmeteam zu jener Zeit. „Il Grande Torino“ wird die im modernen WM-System spielende Wunderelf genannt. Nie zuvor und nie danach verleihen die Italiener einer Mannschaft einen solchen Ehrentitel. Am 4. Mai 1949 befinden sich die Granatroten auf dem Rückflug von einem Freundschaftsspiel bei Benfica Lissa­bon (3:4). Den fünften Scudetto in Folge, unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg, haben sie bereits in der Tasche. Die Flugreise nach Portugal ist eine Belohnung von Vereinsboss Ferruccio Novo. Verteidiger Sauro Tomà kann sie nicht antreten. Eine Knieverletzung rettet ihm das Leben. Nationaltrainer Vittorio Pozzo übernimmt die schwere Aufgabe, die Leichen von Tomàs Mannschaftskameraden zu identifizieren.

In den 40er Jahren ist der FC Turin das Maß aller Dinge im italienischen Fußball. 1943 gelingt dem „Toro“ (der Stier ist das Wappentier Turins und des 1906 gegründeten Vereins) der erste nationale Titelgewinn seit 1928. Es sind nicht zuletzt die Neuverpflichtungen Ezio Loik und Valentino Mazzola, die „Il Grande Torino“ auf Jahre nahezu unschlagbar machen. Kapitän Mazzola, Vater des späteren Nationalspielers Sandro, regiert im Zentrum, Loik verrichtet als Mittelfeldrenner für ihn die Fleißarbeit.

Sechs Jahre am Stück bleibt das Team in insgesamt 93 Heimspielen im Stadion „Filadelfia“ (Spielstätte von 1926 bis 1963) ungeschlagen. 1948 hat der Meister aus Turin 16 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten AC Mailand und schießt insgesamt 125 Tore in 40 Spielen. Gegen Ende der 40er Jahre ist der FC Turin fast identisch mit der italienischen Nationalelf. Für Länderspieleinsätze müssen die Kicker nur das weinrote gegen das blaue Trikot tauschen. Beim Freundschaftsspiel gegen Ungarn am 11. Mai 1947 (3:2 für Italien) stellt „Il Grande Torino“ alle zehn Feldspieler der Squadra Azzurra.

Die vom Ungarn Ernest Egri-Erbstein, der wegen seiner jüdischen Herkunft den FC Turin und Italien in der Endphase der Mussolini-Diktatur verlassen musste, und dem Engländer Leslie Lievesley trainierte Elf ist in den Nachkriegsjahren der Stolz Italiens – und ein Symbol des ideellen Neubeginns nach Faschismus und Krieg. Die Herzen der meisten (alteingesessenen) Turiner gehören dem Klub sowieso. Mag auch Juventus der weltweit beliebteste italienische Verein sein: Turin selbst hält es vor allem mit „Toro“.

Auf der Trauerfeier im Mai 1949 ist die gesamte Stadt ohnehin im Schmerz vereint. 500.000 Menschen säumen am 6. Mai die Straßen und viele weinen hemmungslos, als die geschmückten Wagen mit den 31 Särgen langsam durch die Innenstadt zum Palazzo Madama fahren. Von den Balkonen und geöffneten Fenstern fallen Blumen auf den Trauerzug herab – ein letzter Dank für die großen Momente von „Il Grande Torino“. In der Aufbahrungshalle hat Verbands­präsident Barassi der Mannschaft offiziell den Meistertitel für 1948/49 verliehen (die Saison wird von der A-Jugend gegen ihre Altersgenossen der anderen Klubs zu Ende gebracht) und die Spieler dabei einzeln aufgerufen. Am Ende zeichnet er mit den Händen einen Pokal in die Luft und sagt zu Mazzola: „Siehst du diesen schönen Pokal? Er gehört dir, er gehört euch allen. Er ist sehr groß, größer als dieser Saal, er ist riesengroß und drinnen sind alle unsere Herzen.“

Der FC Turin erholt sich nie ganz von der Superga-­Katastrophe, auch wenn er 1976 seinen siebten Scudetto gewinnt. Seit 2012 spielt der Klub wieder in der Serie A. Und im Mai 2017 erleben die „Granata“ einen hochemotionalen Moment, als das Stadio Filadelfia mit einer Tribüne für 4200 Zuschauer neu eröffnet wird. Die einstige Heimat von „Il Grande Torino“ ist jetzt Trainingsgelände für die Profis und Spielstätte des Nachwuchses. Forza Toro!

Von Horst Bläsig

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