27.01.2018

Rekord im Regen

In dieser Woche vor 40 Jahren

Hans Weiner bekommt den Ball an der Mittellinie. Er startet durch. Weiner, Spitzname „Hanne“, spielt fünf Frankfurter aus und entscheidet, es selbst zu machen und nicht den freien Bernd Gersdorff zu bedienen. Eine äußerst kluge Entscheidung, denn Gersdorff steht im Abseits. Weiner befördert den Ball am hinauslaufenden Eintracht-Torwart Jupp Koitka vorbei zum 1:0 für Hertha BSC ins Netz. Das passiert in der 36. Minute. Hertha gewinnt schließlich am 28. Januar 1978 im Waldstadion 5:0, es ist der bis heute höchste Auswärtssieg der Berliner in der Bundesliga.

Am 23. Spieltag landen sie „den Coup des Tages“ (FuWo). „Dufte, Hertha“ schreibt der „kicker“ und steigt in die Zusammenfassung des Spieltags zu Herthas Ehren berlinernd ein: „Janz Berlin is eene Wolke.“ Das Spektakel in Frankfurt ist der vorläufige Höhepunkt eines atemberaubenden Laufs. Dabei sieht es zunächst in der Saison gar nicht gut aus: Hertha verliert unter anderem 0:5 beim VfL Bochum und am neunten Spieltag 0:3 beim FC St. Pauli. Der neue Trainer Kuno Klötzer steht in der Kritik. Dann gibt es bis zur Partie bei der Eintracht nur noch zwei Niederlagen in 13 Spielen (beim 1. FC Köln und beim MSV Duisburg), Hertha reist als Tabellendritter nach Hessen.


Heftiger Dauerregen, das Stadion nur zu gut einem Drittel gefüllt – nicht unbedingt die Rahmenbedingungen eines Spiels für die Geschichtsbücher. Doch zumindest für die Gäste wird es eins. Die technisch starken Frankfurter versuchen ihr Glück mit Passspiel auf engstem Raum, die Abwehr um Uwe Kliemann und Holger Brück hat damit wenig Probleme und Hertha macht selbst immer wieder Druck. Die FuWo sieht „eine Mannschaft mit fast keiner schillernden Spielerpersönlichkeit, homogener Ausgeglichenheit, großer körperlicher Robustheit und ungemeiner Kampfkraft.“ Viele Spieler, die Her­thas große Zeit der 70er Jahre prägen, sind noch dabei.

Zur Pause ist Weiners Führungstor der einzige Eintrag auf der Anzeigetafel. „Wir wussten, dass Frankfurt in der zweiten Halbzeit alles auf eine Karte setzen würde und hatten den erhofften Erfolg mit unseren schnellen Kontern“, sagt Trainer Klötzer später. War das 1:0 schon ein echtes Klassetor, so setzt Jörgen Kristensen beim 2:0 in der 53. Minute noch einen drauf: Auch er beginnt sein Solo an der Mittellinie, spielt ebenfalls die gesamte Abwehr aus (Karl-Heinz Körbel sogar zweimal) und verlädt auch noch Koitka.

Als Gersdorff in der 57. Minute per Abstauber das dritte Tor macht, ist die Sache durch. Zuvor hatte Koitka noch glänzend gehalten. Bemerkenswert: Trotz der fünf Gegentreffer ist der Torwart der beste Frankfurter an diesem für seine Mannschaft gebrauchten Nachmittag, an dem den Gastgebern kaum mehr gelingen will als ein Pfostenschuss von Jürgen Grabowski 25 Minuten vor Schluss.

Zu jenem Zeitpunkt hat Hertha noch längst nicht genug. Inzwischen auch technisch brillant, zerlegt man den Gegner geradezu: Kliemann auf Karl-Heinz Granitza, der auf Gersdorff, Flachschuss, Tor, 4:0. „Ein Traumtor in Anlage und Vollendung“, schwärmt die FuWo. Den Schlusspunkt setzt Brück mit einem verwandelten Foulelfmeter (Willi Neuberger gegen Granitza) in der 78. Minute. „Ich hatte andauernd das Gefühl, dass die Berliner zwei Mann mehr auf dem Platz gehabt hätten“, sagt Frankfurts Körbel nach dem Abpfiff. Trainer Dettmar Cramer nennt die Bodenverhältnisse „Gift für meine Mannschaft“, will dies jedoch nicht als Entschuldigung für das Desaster anführen.

Am Saison­ende sichert sich Köln dank der besseren Tordifferenz vor Borussia Mönchengladbach den Titel, Gladbach hilft das 12:0 gegen Borussia Dortmund am letzten Spieltag nicht mehr. Hertha wird acht Punkte (damals gab es für einen Sieg zwei Zähler) hinter dem Spitzenduo liegend Dritter. Eine Saison später erreicht das Team das Halbfinale im UEFA-Cup (Aus gegen Roter Stern Belgrad) und das Endspiel im DFB-Pokal (0:1 nach Verlängerung gegen Fortuna Düsseldorf).

Es sind die letzten gemeinsamen Erfolge dieser hervorragenden Spielergeneration. Aber ihr 5:0 bei Eintracht Frankfurt am verregneten Sonnabend Ende Januar 1978 steht immer noch in der Rekordstatistik des Vereins.
Hertha BSC spielte mit: Nigbur; Sziedat, Brück, Kliemann, Weiner; Nüssing, Beer, Sidka, Gersdorff (82. Rasmussen); Granitza, Kristensen (66. Grau).

Von Sebastian Schlichting

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