22.04.2018

Krisentreffen in Kitzbühel

In dieser Woche vor 20 Jahren

Hertha BSC verliert am 18. April 1998 mit 1:3 bei 1860 München. Kein doller Auftritt, aber nicht weiter tragisch für den Aufsteiger. Schließlich steht man nach 31 Spielen der Saison 1997/98 mit 39 Punkten als Tabellenelfter sicher im Mittelfeld der Bundesliga. Doch wer keine Probleme hat, macht sich eben welche. In diesem Fall in Person des Aufsichtsratschefs Robert Schwan. Der 76-Jährige findet nach Abpfiff vor laufenden TV-Kameras aufsehenerregende Worte, die Herthas Verantwortliche um Manager Dieter Hoeneß kalt erwischen. Im Buch „125 Jahre Hertha BSC“ steht folgendes Zitat: „Selbstverständlich entlassen wir Trainer Röber, und zwar sofort und achtkantig.

Ob Dieter Hoeneß oder sonst wer etwas dazu zu sagen und zu fragen hat, ist mir scheißegal.“ Sollte er nicht damit durchkommen, werde er zurücktreten, legt Schwan – 1964 beim FC Bayern erster hauptamtlicher Manager der Bundesliga – noch nach. Rumms! War‘s das für den Trainer?


Schwans Ankündigung sorgt natürlich für Aufruhr. Hoeneß erklärt sofort, dass der Trainer bleibt. Kapitän Kjetil Rekdal verliest auf dem Münchner Flughafen eine Erklärung der Spieler: „Von einem solchen Vorgehen, sofern es der Wahrheit entspricht, distanziert sich die Mannschaft. Sie will die erfolgreiche Arbeit mit Jürgen Röber fortsetzen.“ Aufsichtsrat und Präsidium halten abends im Kitzbüheler Restaurant „Stanglwirt“ ein Krisentreffen ab.
Das Ergebnis: Röber leitet am nächsten Tag wie immer das Training. Der Verein stellt klar, „daß Jürgen Röber weiterhin die Lizenzspielermannschaft des Vereins trainieren wird. Robert Schwan wird auch in Zukunft als Vorsitzender des Aufsichtsrates fungieren.“ Passend dazu erklärt der 76-Jährige, dass ihn die weiteren Aufsichtsratsmitglieder ersucht hätten, „in meiner Position zu bleiben. Deshalb habe ich meine Entscheidung korrigiert.“ Gehen muss nur einer: der kaufmännische Leiter Norbert Müller. Nicht erst wie vorgesehen am 30. Juni, sondern mit sofortiger Wirkung. Die FuWo kommentiert die aufregenden Stunden rund um das Spiel in München mit „Schwan-Theater“.

Eine Woche später tritt Hertha im Olympiastadion gegen Arminia Bielefeld an. Durch das 1:1 wird das Saisonziel von 40 Punkten erreicht. Von den Fans gibt es reichlich Sympathiebekundungen für Röber. Auf Spruchbändern heißt es in Richtung von Schwan und dem ebenfalls als Röber-Gegner geltenden Präsidenten Manfred Zemaitat: „Wir brauchen keinen FC Hollywood“ oder „Wir haben fertig mit euch. Tschüß“. 

Für Röber ist Wirbel um seine Person nichts Neues. Rund ein halbes Jahr vorher war er fast schon gefeuert worden, gewann dann das Spiel gegen den Karlsruher SC nach Rückstand 3:1 und startete mit der Mannschaft im Anschluss eine Siegesserie. Er wird noch bis 2002 bei Hertha sein und mit den Berlinern unter anderem in der Champions League spielen. 

Jahre später erinnert sich Röber in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ an die Geschehnisse nach der Partie im April 1998 bei 1860 München: „Ich habe in solchen Situationen vermieden, Zeitung zu lesen. Aber es wird natürlich trotzdem an dich herangetragen. Ich habe mal gesagt, dass ich in meinen sechs Jahren bei Hertha eigentlich jedes Jahr zweimal schon fast entlassen wurde. (...) Das geht an die Substanz, vor allem, wenn man Tag und Nacht nur an Fußball denkt und seine ganze Kraft dem Erfolg widmet.“

Von Sebastian Schlichting

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