20.01.2018

Fußballer auf Abwegen

In dieser Woche vor 60 Jahren

Der DDR-Meister 1957, der so heißen wird wie der vorige, nämlich SC Wismut Karl-Marx-Stadt, ist noch längst nicht ermittelt. Auch steht noch nicht fest, dass Heinz Kaulmann, der Angreifer vom ASK Vorwärts Berlin, mit 15 Treffern aus 26 Spielen (allein fünf erzielt er beim 9:0 gegen Motor Zwickau) Torschützenkönig wird. Trotzdem werden die Aktiven der 14 Oberligavereine zu einem Wettbewerb aufgerufen, der nicht einmal annähernd etwas mit der Jagd auf Tore und Punkte und schon gar nichts mit dem Kampf um den Titel oder gegen den Abstieg zu tun hat: Bis zum Jahresende sollen sie das Sportabzeichen, möglichst das goldene, erwerben.

etzt, Mitte Januar 1958, liegen die Meldungen vor. Sie sind teils belustigend und teils grotesk, und dass nicht jede Mannschaft diesen Wettbewerb ernst genommen hat, steht sowieso fest. Von den Stammspielern des SC Halle-Leuna hat nämlich nicht einer die Bedingungen auch nur für das bronzene Abzeichen erfüllt. Dass die Anhaltiner, als Aufsteiger bis zum letzten Spiel in den Abstiegskampf verwickelt, lieber alles für den Klassenerhalt tun als im Sportabzeichen-Wettbewerb zu glänzen, spielt bei der Einschätzung so gar keine Rolle. Auch für den SC Lokomotive Leipzig hagelt es Kritik, weil es dort nicht einen Spieler interessiert, ob er sich das Abzeichen an die Brust stecken kann oder nicht. Weil die Leipziger in jener Phase nur ein Ziel vor Augen haben: das Pokalfinale! Nachdem sie das am 22. Dezember mit 2:1 nach Verlängerung gegen Zweitligist SC Empor Rostock gewonnen haben, können sie über die moralische Ohrfeige nur grinsen.

Doch selbst der Meister bekommt sein Fett weg, weil sie in Aue, wo der SC Wismut ja spielt, den Erwerb des Sportabzeichens nicht als ihre vorrangige Aufgabe ansehen. Die Spiele im Europapokal der Meister in der Vorrunde gegen Gwardia Warschau und vor allem im Achtelfinale gegen Ajax Amsterdam, die sich bis weit in den Dezember hineinziehen, sind ihnen wichtiger. Kurios jedoch ist, dass mit Fritz Zergiebel zumindest der Assistenztrainer die Bedingungen für das silberne Sportabzeichen erfüllt hat. Allerdings verspricht Wismut-Trainer Fritz Gödicke, dass „das Spieler-Kollektiv bestrebt ist, den Vorsprung der anderen Mannschaften so bald als möglich wettzumachen“. Rotation Babelsberg hingegen hat so gar keine Ausrede, warum es hinsichtlich des Sportabzeichens beim Meisterschaftselften „ganz trübe“ aussieht.

Gute Beispiele aber gibt es auch. Bei Vorwärts Berlin, dem Vizemeister, sind sie mit Feuereifer bei der Sache. Na gut, die Armee-Fußballer, ohnehin allesamt ziemlich junge Kerle, erwerben das Sportabzeichen sozusagen im dienstlichen Alltag. Dass die ASK-Spieler, von denen 18 das goldene und einer das silberne erwerben, dafür noch als leuchtendes Vorbild herhalten müssen, ist dem einen oder anderen von ihnen wahrscheinlich eher peinlich. Auch die Spieler des SC Einheit Dresden und des SC Motor Jena sind fleißig gesprungen und gelaufen, ebenso die von Rotation Leipzig, Turbine Erfurt, Fortschritt Weißenfels, Motor Zwickau und Aktivist Brieske-Senftenberg.

Damit die „bösen Buben“, die noch kein Sportabzeichen erworben haben, nicht noch mehr Kritik einstecken müssen, lassen sie sich wenigstens auf ein Versprechen ein: Wenn Anfang März das neue Spieljahr beginnt, wollen sie sich „mit den anderen auf eine Stufe stellen“ dürfen. Das lässt zumindest auf eine etwas andere Art der Vorbereitung schließen ...

Von Andreas Baingo

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