11.03.2018

Feuerwehr saugt Wasser ab

In dieser Woche vor 55 Jahren

Der Winter ist der kälteste in Europa im 20. Jahrhundert. Rhein und Bodensee frieren zu. Zum letzten Mal bis heute. Selbst Eisbrecher haben auf dem Rhein keine Chance. Auch in Berlin ist es eiskalt. „1962 gab es Weihnachten nur geringfügigen Schnee, aber Frost bis -10 Grad Celsius. Es schloss sich bis Ende Februar 1963 eine sehr kalte Winterperiode an“, ist auf der Internetseite des Luisenstädtischen Bildungsvereins zu lesen. Anfang März dann der Umschwung: „Mit Beginn der vergangenen Woche setzte endlich das wärmere Wetter ein“, schreibt die FuWo am 11. März 1963. Es taut! 

An sich erfreulich, für den Fußball nicht. Die Spielflächen werden vom Wasser durchtränkt. Während auf Schneeboden meist gespielt wurde, fallen nun fast alle Partien in der Stadt aus.
Manche werden direkt abgesagt, bei anderen lassen sich die Bezirksämter etwas Zeit, erklären die Plätze dann aber für unbespielbar. Dies wäre nicht überall nötig gewesen, findet die FuWo: „Wir haben uns einige Plätze angesehen, sie waren gewiß nicht in schlechtem Zustand, es wurde in Berlin schon unter ganz anderen Verhältnissen gespielt.“ Etwas weiter hinten im Text wird kritisiert, dass die Ämter mit frühen Absagen sehr schnell bei der Hand sind, „man sollte ihnen noch einmal mit Nachdruck klarmachen, daß zur endgültigen Absage eines Spiels wenige Stunden vor dem Spieltage noch genügend Zeit ist.“ Zudem sollte der Schiedsrichter letztlich die Entscheidungshoheit haben. Andernfalls, so wird befürchtet, drohen „Absagen auf Absagen“ und „erhebliche Komplikationen“.
In der Vertragsliga werden zwei Spiele angepfiffen – auf erstaunlich gut bespielbarem Rasen. Nahezu ideal sind die Bedingungen auf dem Wackerplatz. Die Feuchtigkeit ist fast komplett weggesickert. Dort, wo es noch glitschig ist, wird Torfmull gestreut. Die FuWo freut sich: „Ein Beweis dafür, was liebevolle und sachkundige Platzpflege bewerkstelligen kann.“ Gelohnt hat sich der Aufwand für Gastgeber Wacker 04 nicht so wirklich, Hertha BSC gewinnt vor 3000 Zuschauern 4:1. 


Einen Tag später, zwölf Kilometer südwestlich, der Spandauer SV empfängt den BFC Südring. Auch der Rasen an der Neuendorfer Straße ist in einwandfreiem Zustand. Das ist das Resultat des Einsatzes vieler Vereinsmitglieder im Verbund mit der benachbarten Feuerwehr, die das Wasser in den Tagen vor dem Spiel abgesaugt hatte. Das Geläuf sieht so prächtig aus, dass sie es beim SSV bedauern, die Partien der Reserven nicht ausgetragen zu haben. Beeindruckt vom Rasen ist auch Hanne Naulin vom BSV 92, dessen Mannschaft von den Absagen betroffen ist und der stattdessen die Neuendorfer Straße aufsucht. Er berichtet, dass der BSV im Stadion Wilmersdorf ohne Probleme hätte spielen können: „Besser als am Lochowdamm kann auch der Rasen im Wembley-Stadion nicht sein. Warum hatte man nur so vorschnell die Spiele absagen müssen?“ Diese Frage stellt sich wie eingangs erwähnt die FuWo ebenfalls und reicht sie an Werner Kluge weiter, den Spielausschussobmann im Verband Berliner Ballspielvereine (VBB). „Wir haben im Interesse der Vereine gehandelt. Wenn heute überall gespielt worden wäre, dann wären viele Plätze umgepflügt worden. Das wollten wir vermeiden“, sagt Kluge.

In Spandau wird jedenfalls gekickt – und es geht hoch her. Vor allem rund um das Führungstor für Südring kurz vor der Pause. Werner Dunkel schießt und trifft. Doch das Tornetz ist nicht in Ordnung, der Ball flutscht durch. Die Spieler der Gäste jubeln, der SSV will stattdessen schnell mit Abstoß weitermachen. Das Tor zählt, „Schiebung“ rufen viele der 2500 Zuschauer. Besonders diejenigen, die am weitesten vom Geschehen wegstehen.
Die Gastgeber drehen das Spiel jedoch nach dem Wechsel durch Treffer von Klaus Schwedek und Reinhard Knöfel. Und SSV-Torwart Udo Cieslik knüpft die Fäden im Netz seines Tores, die für so viel Aufregung gesorgt hatten, aneinander. So hat alles wieder seine Ordnung an diesem Märzsonntag am Ende des historisch kalten Winters 1962/63.

Von Sebastian Schlichting

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