31.03.2018

Erst zu jung, dann zu alt

In dieser Woche vor 60 Jahren

Es gibt Karrieren, die führen nach vielen Jahren tatsächlich zum Ziel. Es muss nicht immer ein ganz großer Titel sein, der Gewinn einer Welt- oder Europameisterschaft, obwohl die meisten Steppkes davon natürlich immer träumen. Aber allein Nationalspieler zu werden, das ist durchaus ein Vorhaben, das sehr ehrgeizig ist. Trotzdem ist es zuweilen auch so, dass es noch hätte ein klein wenig höher gehen können, die Zeit dafür aber nicht reif ist. Entweder ist man selbst zu jung oder dann wieder zu alt, wie es Dirk Stahmann war. Als nämlich der 1. FC Magdeburg, der einzige Verein, für den er gespielt hat, 1974 als einziger Klub der DDR einen Europapokal gewinnt, den der Pokalsieger, ist er mit gerade 16 Jahren zu jung für den großen Coup. Als 1991 die DDR-Meisterschaft zu Grabe getragen wird und die Türen zur Bundesliga meilenweit offenstehen, ist der Abwehr-Haudegen mit 33 zu alt für den nochmaligen Durchbruch.

Trotzdem verläuft Stahmanns Karriere in etwa wie in einem Bilderbuch. In 46 Länderspielen steht der Magdeburger für die DDR-Auswahl seinen Mann. Gegen England mit Peter Shilton und Schottland mit Kenny Dalglish ist er dabei, gegen Frankreich mit Michel Platini und Spanien mit Andoni Zubizarreta, Belgien mit Jean-Marie Pfaff und die Schweiz mit Lucien Favre, Rumänien mit Gheorghe Hagi und Bulgarien mit Hristo Stoitschkow.

Allerdings ist Stahmanns Laufbahn in den DDR-Auswahlmannschaften auch reich an Enttäuschungen. Zunächst erlebt er eine mit dem Olympiateam. Das hat sich zwar für die Spiele 1984 in Los Angeles qualifiziert, doch der Boykott bringt ihn um dieses nahezu einmalige Erlebnis. Ebenso muss der baumlange Kerl am 15. November 1989, sechs Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, durch ein sportliches Tal der Tränen. Weil es im Wiener Praterstadion gegen Österreich nach drei Toren von Toni Polster eine 0:3-Niederlage setzt und damit die Rot-Weiß-Roten 1990 zur WM-Endrunde nach Italien fahren und nicht die DDR-Mannschaft zu ihrer zweiten Teilnahme am Weltchampionat kommt, ist für Stahmann auch dieser späte Traum geplatzt.

Es ist zugleich der Abschied des Magdeburgers von der ganz großen Bühne, auf der es mit zwei Triumphen im FGDB-Pokal – 1978 wird Dynamo Dresden und 1979 der BFC Dynamo im Finale jeweils 1:0 bezwungen – zumindest zu nationalen Titeln reicht. Das jedenfalls steht nahezu gemeißelt in Stahmanns Stammbuch, worauf er als Defensivspezialist besonders stolz sein darf: In zwei Endspielen bleibt die von ihm mitorganisierte Abwehr ohne Gegentor!

Trotzdem scheint es, als würde seiner Laufbahn das gewisse Etwas fehlen. Weil sich der 1. FC Magdeburg nach Stahmanns 278. Oberligaspiel nicht für die Bundesliga qualifiziert und auch den Sprung in die 2. Bundesliga verpasst, geht es sowohl für den einstigen Vorzeigeklub als auch für den Nationalspieler in der Drittklassigkeit weiter. Und das sogar länger als gedacht.

Als er nämlich 1992 seine Schuhe schon an den Nagel gehängt hat, lässt er sich für die Saison 1993/94, in der es um die Qualifikation für die damalige neue Regionalliga geht, noch einmal breitschlagen. Nur: Auch mit seinem Rücktritt vom Rücktritt kann er den weiteren Abstieg des Vereins seines Herzens nicht verhindern, und erst mehr als zwei Jahrzehnte später klopfen die Magdeburger nun endlich an die Tür zur 2. Bundesliga.

Diesen Weg verfolgt Stahmann, der nach seiner sportlichen Karriere Berater in einem Magdeburger Autohaus wird, weiterhin aus nächster Nähe. Er ist halt eine treue Seele seines Vereins. Schließlich wird ihm doch noch eine Ehre zuteil, an die er nahezu nicht mehr zu denken gewagt hat, weil die vor allem den 1974er Europapokalhelden vorbehalten ist: Doch auch Stahmann wird zum Ehrenmitglied, dem 29. des 1. FC Magdeburg, ernannt, das er seit März 2009 ist.

Vor drei Tagen, am 23. März, ist Dirk Stahmann 60 geworden. Zumindest zu diesem Jubiläum könnte das Timing endlich mal stimmen: Vielleicht schenken ihm seine Nachfolger in ein paar Wochen den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Von Robert Klein

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