22.04.2018

Die Stimmungskanone

In dieser Woche vor 60 Jahren

Geht es um die unverwechselbaren Typen in einer Mannschaft, dann wird man in modernen Zeiten kaum noch fündig. Umso interessanter ist es in der Vergangenheit zugegangen, als es neben Toren, Punkten und Siegen auch noch darum ging, Spaß zu haben. Viel Spaß sogar.

Einer, der mittlerweile 80 Jahre alt ist, doch mit seiner einmaligen Art unvergessen bleibt, ist Waldemar Mühlbächer. Eine Type ist der Mittelfeldspieler des SC Dynamo Berlin und der DDR-Nationalmannschaft von Anfang an. Einer, mit dem es nahezu ein Kinderspiel ist, sozusagen Pferde zu stehlen und der auch sonst für jeden Spaß zu haben ist. Auch deshalb rufen die Mitspieler den Mann mit dem Schnauzbart „Atze“. Ein netteres Lob, eine größere Anerkennung kann es für einen jungen Mann in Berlin kaum geben.


Dieser „Atze“ Mühlbächer spielt in der Tat hervorragend Fußball, er ist aber, obwohl das Wort in den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht den neumodernen Klang hat, ein Entertainer. Eine seiner größten Nummern zieht Mühlbächer am Rande eines Gastspiels in Mexiko ab. Bei einem Turnier werden die Mannschaften zu einem Stierkampf gebeten. Zu fortgeschrittener Stunde werden auch Spieler animiert, in die Arena zu steigen und den Kampf mit dem Stier aufzunehmen. Natürlich traut sich keiner – mit Ausnahme von Waldemar Mühlbächer. Nahezu todesmutig und mit einem kräftigen „Olé“ stürzt er sich in den Kampf Mensch gegen Tier. Nur der Stier spielt nicht mit, er geht nicht auf die Muleta ein, das rote Tuch, das Waldi ihm vor die Augen hält, vielmehr interessieren ihn die Oberschenkel seines Gegners. Trotzdem fliegen die Sitzkissen in das Rund als Zeichen höchster Anerkennung für den Torero. Vor Acapulco schließlich ist auch er es, der sich vor allen anderen auf Wasserski traut und die Wellen bezwingt.

„Atze“ ist einfach eine unschlagbare Stimmungskanone. Als ihn ein Trainer gegen die starken Ungarn von Doz­sa Ujpest zu einer Sonderbewachung verdonnert, die ihm vorgibt, seinen Gegenspieler auf Schritt und Tritt zu verfolgen und ja nicht aus den Augen zu lassen, nimmt Mühlbächer diese taktische Anweisung tatsächlich wörtlich. Der Höhepunkt ist einer zum Schreien: Als sich Waldis Gegenspieler nämlich den Ball zum Einwurf holt, lehnt der sich unter dem Toben der Massen demonstrativ lässig auf die Eckfahne und wartet, bis der Gegner da ist.
Doch Mühlbächer, aus Medisch in Siebenbürgen stammend und mit seinen Eltern zunächst nach Meerane gekommen, wo Vater Wilhelm bei Fortschritt als Mittelstürmer einst auf Torejagd gegangen ist, kann auch anders. Ja, er ist feurig und ein Ausbund an Temperament, ein begnadeter Lenker des Spiels dazu und ein exzellenter Frei­stoßschütze sowieso. Als Nationaltorhüter Wolfgang Blochwitz innerhalb kürzester Zeit gleich drei Freistoß-Gegentore von „Atze“ kassiert, schmeißt er frustriert seine Handschuhe ins Netz.

Dass Mühlbächer Talent und Können hat, spricht sich schnell herum. Deshalb bestreitet er schon als 20-Jähriger sein erstes Länderspiel. Am 1. Mai 1958, vor 60 Jahren also, steht er gemeinsam mit seinem Dynamo-Mitspieler Günter „Moppel“ Schröter beim 1:1 in Tirana gegen Albanien erstmals im DDR-Nationalteam. 16 Länderspiele und ein Tor folgen. Drei Jahre nach seinem Debüt, beim 1:1 in Kopenhagen gegen Dänemark, trifft er schon in der 3. Minute ins Schwarze. Nur der Auer Willy Tröger hat zu jener Zeit noch schneller getroffen.
Eilig, seine Schuhe an den Nagel zu hängen, hat es Mühlbächer danach nicht, auch nach 218 Spielen in der DDR-Oberliga nicht. Bis vor kurzem nämlich tauchte er noch immer bei den 60ern von AdW auf und mischte zumindest in den lockeren Trainingsspielchen am Freitagvormittag mit. 

Von Robert Klein

Kommentieren

Vermarktung: