29.09.2018

Der unerfüllte Traum

In dieser Woche vor 50 Jahren

Hätten sie gewusst, welche Leidenschaft Sammler von Fußball-Memorabilien Jahre später aufbringen, sie wären beim 1. FC Union sorgsamer mit ihren vermeintlich wertlosen Stücken umgegangen. Um die kleinen Fetzen, die sie über Nacht nicht mehr brauchen, in Zeiten von Sparsamkeit und Papierknappheit dennoch zu nutzen, verwenden sie die Rückseiten als Notizzettelchen. Niemand beachtet mehr die Vorderseiten, dabei hätten die – nicht erst jetzt, sondern schon vor langer Zeit – einen hohen Sammlerwert gehabt.

Andererseits hätten diese kleinen Zettel aber stets an einen der schwärzesten Momente der Vereinshistorie erinnert, auch wenn sie für sein Zustandekommen in der Wuhlheide keinerlei Schuld tragen. Diese Papiere hätten Zeugnis gegeben von einem Spiel, das sie erstens so nicht wollten, das zweitens unter normalen Umständen zu diesem Zeitpunkt niemals terminiert worden wäre, das die eisernen Kicker aus Köpenick drittens als Opfer des „Kalten Krieges“ zeigt und das viertens deshalb auch gar nicht erst stattfindet.

Es sind nämlich die Eintrittskarten für das Erstrundenspiel im Europapokal der Pokalsieger, für das sich der 1. FC Union mit seinem sensationellen 2:1-Triumph im Finale des FDGB-Pokal gegen Meister FC Carl Zeiss Jena qualifiziert. Nur sind es die Tickets für das Heimspiel gegen Dynamo Moskau, das am 18. September 1968 (Rückspiel am 2. Oktober) ausgetragen werden soll und das eigentlich nur Stunden vor dem Anpfiff abgesagt wird.
Ein politisches Hickhack ist es, das den Europapokal nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag in diesem aufgeheizten Sommer schwer belastet und von dem trotz des Prager Frühlings bei der eigentlichen Auslosung am 10. Juli in Genf in dieser Schärfe nicht die Spur ist. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt deshalb Werner Schwenzfeier, nachdem die Eisernen mit dem FK Bor den Vertreter Jugoslawiens zugelost bekommen. Die Männer vom Balkan werden zwar als durchaus starke Individualisten wahrgenommen, nur spielt Bor in diesem Vielvölkerstaat nicht gerade die erste Geige. Nur weil Roter Stern Belgrad als Meister auch Pokalsieger geworden ist, darf der Finalverlierer in Europa starten. Doch im Endspiel ist Bor gegen die Roten Sterne mit 0:7 regelrecht untergegangen. Also rechnen sie sich in der Wuhlheide Chancen aus, die 2. Runde zu erreichen.

Dafür gönnt der DFV, der Deutsche Fußballverband der DDR, den Köpenickern in der Vorbereitung auf die neue Saison und um internationale Erfahrung zu sammeln sogar ein außergewöhnliches Testspiel. Weil mit dem FC Portuguesa Sao Paulo ein brasilianisches Spitzenteam im Land weilt, sind die Männer aus der Alten Försterei (auch wenn das Spiel, weil es ein Spektakel verspricht und 25.000 Zuschauer anlockt, im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ausgetragen wird) nach dem Halleschen FC Chemie, dem FC Hansa Rostock und Sachsenring Zwickau der vierte und letzte Gegner der Ballzauberer aus der Heimat des großen Pelé auf ihrer Tour zwischen Ostsee und Erzgebirge.

Doch es kommt durch die politischen Irrungen und Wirrungen ganz anders. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Unioner den Test gegen die Brasilianer trotz der Führung durch Harry Zedler nach vier Gegentoren innerhalb von 21 Minuten 1:4 verlieren. Einige Mannschaften aus Süd- und Westeuropa weigern sich nämlich, im Europapokal zu ihren Spielen in den Osten zu reisen und drohen dem europäischen Fußballverband UEFA mit Boykott. So will der AC Mailand nicht zu Lewski Sofia nach Bulgarien, der FC Zürich nicht zu Dynamo Kiew in die Sowjetunion und Celtic Glasgow nicht zu Ferencvaros Budapest nach Ungarn. Unter diesem Druck sieht sich die UEFA zu einer Neuauslosung gezwungen, die am 30. August nunmehr in einer Ost- und in einer Westgruppe stattfindet und die den Eisernen eben Dynamo Moskau als Gegner präsentiert. Die neuerlichen Proteste wischt das Dringlichkeitskomitee von Europas Fußballverband gerade mal neun Tage vor den Hinspielen vom Tisch.
Irgendwie haben sie sich trotzdem im Fußballverband der DDR mit ihren Startern, so eben auch beim 1. FC Union, mit der neuen Situation arrangiert. Alles ist vorbereitet, bis dann doch völlig unvermittelt in buchstäblich letzter Minute das Stoppzeichen kommt. Günter Mielis, der damalige stellvertretende Vorsitzende der Eisernen, muss den Spielern die Hiobsbotschaft überbringen. „Wir haben das beim Training erfahren und haben das völlig fassungslos aufgenommen“, sagt Jürgen Stoppok.
Damit bleibt Unions Traum von Europa unerfüllt und für die Eintrittskarten nur eine Verwendung als Notizzettel.

Von Robert Klein

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