05.05.2018

Berlin steht hinter Union 06

In dieser Woche vor 65 Jahren

Der Anfang misslingt etwas. Schiedsrichter Karl Alt muss den Groschen für die Platzwahl gleich zweimal werfen. Dann steht fest, dass der Hamburger SV die Wahl gewonnen hat, Kapitän Jupp Posipal entscheidet sich, zunächst mit der Sonne im Rücken zu spielen. Das erste Spiel der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem Berliner Titelträger SC Union 06 und dem Hamburger SV kann beginnen, vor 80.000 Zuschauern im Olympiastadion. Was da keiner ahnt: Dieses Spiel am 3. Mai 1953 wird eines der größten in der Geschichte von Union 06 werden. 

Bis 1950 hatte die Mannschaft im Ostteil der Stadt unter dem Namen SC Union Oberschöneweide gespielt, kurz einfach Union Ob. genannt. Der Klub war mehrmals Berliner Meister und Pokalsieger. Als man 1950 aus Ost-Berlin nicht zu einem Spiel der Endrunde in Kiel gegen den Hamburger SV reisen darf, fliehen die Spieler in den Westteil der Stadt und gründen den SC Union 06, der im Bezirk Tiergarten seine neue Heimat findet. Nach zwei zweiten Plätzen gelingt 1953 der Titelgewinn. 


Die Mannschaft erfreut sich großer Beliebtheit bei den Fans. Doch gegen den HSV trauen ihr nur wenige etwas zu. Wie überhaupt der Berliner Vertreter in der Meisterschaftsendrunde meistens chancenlos ist. Aber Union macht sofort das Spiel, hat gute Chancen. Dann eine „kleine Atembeklemmung“ (FuWo) bei den Zuschauern, weil Torwart Gerhard Wittke einen Rückpass nicht ganz souverän mit dem Fuß klärt. In der 38. Minute der sehr unterhaltsamen Partie fällt tatsächlich das Führungstor für den Außenseiter: Erwin Wax haut den Ball flach und platziert rein. Bis zum Pausenpfiff gibt es weitere hervorragende Möglichkeiten für die Berliner. 

Kurz nach der kurioserweise nur fünf Minuten dauernden Pause sorgt wieder Torwart Wittke für Aufregung. Diesmal hat allerdings auch der laut FuWo „kleebedeckte Rasen des Olympiastadions“ eine Aktie dran, denn Wittke rutscht beim Herauslaufen aus. Doch der Ball rollt am leeren Tor vorbei. Für den Ausgleich braucht der HSV einen Geistesblitz von Jupp Posipal, der ein Jahr später zu den „Helden von Bern“ gehören wird. Posipal vollendet einen Alleingang zum 1:1. Nicht nur deswegen wird er vom fairen Publikum immer wieder stürmisch gefeiert.
Das Spiel scheint Union endgültig zu entgleiten, als Werner Harden in der 77. Minute das zweite Tor für den Favoriten macht. Die Berliner schütteln sich jedoch nur kurz und Günter Schulz jagt den Ball „mit einem phantastisch schönen Schuß völlig unhaltbar zum 2:2 ins Netz des HSV-Tores“ (FuWo). Dabei bleibt es. Union 06 holt einen Punkt!
„Ganz Berlin steht hinter Union“, kündigt die FuWo für die kommenden Aufgaben an. Wohl wissend, dass die Chancen im Normalfall gering sind. Das bewahrheitet sich. Eine Woche später setzt es ein 0:6 beim VfB Stuttgart und wieder sieben Tage drauf ein 0:4 bei Borussia Dortmund. Am Ende beschließt Union die Runde mit einem Punkt und 4:20 Toren. Danach qualifiziert man sich nie wieder für Spiele um die Deutsche Meisterschaft. Aber der Auftritt gegen den HSV im Mai 1953 bleibt unvergessen in der Historie des Vereins.

Union 06 spielte mit: Wittke; Strehlow, Podratz; Seidel, Bolduan, Sendsitzki; Wax, G. Schulz, Rogge, Salisch, H. Schultz.

Von Sebastian Schlichting

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